Inhalt
Der Reisebericht ist in fünf Abschnitte gegliedert:
Vorbereitung und Flug, San Francisco (SF), der Yosemite National Park (YNP), Maui, Hawaii und New York (NY).Neben dem objektiv Erlebten erzähle ich auch von subjektiven Eindrücken, versuche Klischees zu knacken und gebe Hinweise auf Möglichkeiten und Schwierigkeiten meiner Krankheit. Ich möchte meine Leser auf diese Reise mitnehmen, damit sie durch meine Erfahrungen ermutigt werden.
Das Ziel ist, die betroffene, erschrockene und hoffnungslose Starre auf den Gesichtern zu lösen, die ich so oft antreffe, wenn der Begriff MS fällt. Manchmal gelingt es mir sogar, mit einem Lächeln auf die Benachteiligungen zu schauen und ich wünsche mir, dass Sie, meine Leser dies auch möglichst oft tun werden.
Vorbereitung und Flug
„AMERIKA WIR KOMMEN“ stand auf dem Sparschwein, das meine Mutter uns zu Weihnachten schenkte. In seinem Bauch lag ein fetter Batzen, der als Startschuss für diese Reise gedacht war. Ein einziges Mal hatte ich ihr am Telefon vorgeklönt, dass es für mich sehr schwer sei zu wissen, dass ich diese Reise, auf die ich seit mehr als dreissig Jahren hoffte, nun wegen der MS nicht mehr machen könne.
Mir fehlte es vor allem am Mut, aber auch die unberechenbaren Verdauungsprobleme liessen mich ziemlich resignieren. Alles war irgendwie unkontrollierbar geworden: Winde, Stuhl- und Harndrang, alles schien bei der kleinsten psychischen Anforderung zu entgleisen. Ich war mir oft selber unerträglich. Doch mein Arzt nahm dies mit der Bemerkung zur Kenntnis: „Das wird schon wieder, bleiben Sie in der Diät!“.
Diese Ermutigung half mir, trotz allen Widerwärtigkeiten, immer wieder in Gedanken nach USA zu reisen, ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Durfte auch ich hoffen, dort auf eine neue, grenzenlose Dimension zu stossen, oder war das nur gesunden Leuten mit viel Glück vorbehalten?
Im darauffolgenden Sommer sank der Wert des Dollars infolge der Finanzkrise auf spektakuläre CHF 0.74 hinunter. Ich interpretierte dies als gütige Zustimmung von Oben und ging mit Peter in ein Reisebüro.
Uns war klar, dass ich nicht die Kraft haben würde, ein x-beliebiges Reiseprogramm zu absolvieren. Deshalb nahmen wir diese Hilfe gerne in Anspruch. Dennoch kamen wir nicht darum herum, uns die vielen Kataloge anzusehen, um aus dem überwältigend grossen Angebot die schönsten Sehenswürdigkeiten zusammenzustellen. Diese Reise sollte etwas ganz Besonderes werden, denn vielleicht war es ja die letzte.
Multiple Sklerose ist die Krankheit der tausend Gesichter
Sie kann sich sehr unterschiedlich äussern. Ich hatte schon lange unter anderem Herzbeschwerden, die sich in konkreten Schmerzen oder diffusen Gefühlen in der Herzgegend zeigten. Die ganze Sache ist auch noch sehr unberechenbar.
Das bedeutet, dass ich schon mal um 5 Uhr morgens in der Notfallstation unseres Spitales lag, aber diese beängstigenden Schmerzen waren plötzlich wie weggeblasen und kamen auch nicht mehr zurück. Ähnliches passierte mit Darmproblemen, Schmerzen im Knie und Ähnlichem.
Sie können sich denken, dass man mir nahelegte, nicht mehr ins Spital zu kommen. Aber einen Hausarzt fand ich lange auch nicht mehr, weil bezüglich der alternativen MS-Therapie niemand die Verantwortung übernehmen wollte.
Peter freute sich auf Amerika. Bescheiden hielt er sich bei der Planung zurück und äusserte nur seinen Unmut wegen der Kofferschlepperei, die auf ihn zukommen würde. Doch bald wurde ihm klar, dass er mit dieser Reise derjenige werden würde, der von seiner Familie am weitesten gereist wäre, und dass er die Zeit, die ich immer wieder zum Ausruhen brauchte, ganz für sich alleine haben konnte. Dank seiner Tugend, immer nur eine sehr beschränkte Garderobe mitzunehmen, gab es in seinem Koffer meist Platz für Souvenirs, die ihm immer wichtig waren. Und obwohl er von New York träumte, hätte er nie einen entsprechenden Wunsch geäussert.
In meiner Fantasie hielt ich eisern am Bild von USA wie in „Unsere kleine Farm“ fest. Diese TV-Serie begleitete mich durch meine Jugend. Der Hauptdarsteller sah fantastisch aus – in meiner Klasse gab es sogar einen Jungen, der Ähnlichkeiten mit ihm hatte, aber leider verkannte Nick mein glühendes Herz – und das ländliche Leben mit Pferd und Ackerbau hätte mir gefallen. Eine gewisse Goldgräberstimmung, Wildwestromantik und die himmlischen Gospels in den Gottesdiensten der Afroamerikaner gehörten mit zu dem völlig idealistischen und romantischen Bild in mir von Amerika. Ist es nicht eine starke Leistung des Gehirns, wenn man grosse Ereignisse wie die Mondlandung, Präsident Clinton oder die Zerstörung der Twin-Towers ausblenden kann?
Ja, im Ausblenden waren meine kognitiven Fähigkeiten prima. Man hätte auch sagen können, dass ich seit dem letzten grossen Schub im 5. Semester meines Germanistikstudiums zu wichtigen Denkleistungen gar nicht mehr fähig war. Das machte sich darin bemerkbar, dass ich nicht mehr fehlerfrei schreiben konnte: ich verwechselte die Buchstaben in den einfachsten Wörtern, verdrehte alle Sätze und konnte weder die Kapitel noch die Absätze logisch gliedern. Niemand entzifferte mehr meine Mitschriften. Ich war zutiefst verunsichert und entmutigt. Denn eigentlich hatte ich schon mit 40 Jahren gemerkt, dass meine Kraft immer geringer wurde, ich konnte es aber nicht äusseren, denn ich war ja sehr eingespannt im Familiendasein. Doch ich wollte auch noch etwas leisten, wenn die Kinder weg sein würden, und so entschied ich mich, das Studium anzupacken. Nach der Diagnose MS sass ich dann da und musste lernen, was es hiess, auf Hilfe angewiesen zu sein. Duschen und Baden alleine ging nicht mehr, Kochen und Essen war meist zu mühsam und Waschen und Putzen waren beinahe nicht mehr möglich.
Können Sie, liebe Leser, nachfühlen, wie es in mir aussah?
Wer möchte mich dafür bestrafen, dass ich anfangs stundenlang Witze im Internet las, bis zum Abwinken Computerspiele spielte und nach dem forschte, was mich, und nur mich alleine, glücklich machen konnte? Das war nach der intensiven Familienzeit gar nicht so einfach.
Einige Male schleppte ich mich ins Lachjoga und langsam, ganz leise, merkte ich, dass ein wenig Widerstand gegen die Verelendung noch möglich war. In vielen Ruhepausen versuchte ich mich an ganz früher zu erinnern und spürte das kleine Mädchen Doris wieder, das eigentlich ein Sonnenschein war und heute noch von damaligen Kameraden als humorvoll und clever beschrieben wird.
Ein Internetforum, um Klassenkameraden wieder zu finden, half mir, die Erinnerungen an die Schulzeit aufzufrischen und die waren wie ein Anker in meiner erlebten Zeit, die mir jetzt scheinbar entfliehen wollte. Auf einmal wurde ich nach Frankreich eingeladen: ich mobilisierte alle Kräfte und meinen letzten Mut und ging alleine hin. Kurz danach musste ich alleine für einige Tage nach Zypern. Es war unumgänglich und eine sehr schöne Story entstand daraus (die später hier veröffentlicht wird). Auch das schaffte ich gerade noch knapp, doch der Virus des Reisens liess mich nicht mehr los.
Ich wünsche jeder von MS betroffenen Person von ganzem Herzen, dass sie diejenige Sache findet, die ihr so grosse Freude bereitet, dass alles andere in den Hintergrund tritt!
Vorbereitungen
Jeder der schon einmal in USA war, weiss, dass ein grosses Aufheben daraus gemacht wird. Wir mussten nicht nur genau festlegen, wohin es gehen sollte, (wie damals in Moskau), es mussten auch viele Dokumente bereitgestellt werden: neue biometrische Pässe erstellen, Einreisevisa beantragen, Kreditkarte besorgen, Passfotos machen, den internationalen Führerschein besorgen, viele Kopien von ärztlichen Verordnungen machen, Versicherungen überprüfen, im Internet über Unterkünfte forschen, vegetarische Restaurants in der Nähe suchen, Fragen rund um das Gepäck klären und SBB-Fahrpläne ausdrucken. Ich war ganz schön ausgelastet mit meiner liebsten Beschäftigung.
Über der vielen Plackerei kippte meine Vorfreude beinahe in Angst um: vielleicht würden wir nicht mehr zurückkommen können oder eine der zahlreichen versicherten Begebenheiten, wie z.B. der Gepäckverlust, könnten eintreffen. Die Fragen nach Spionage- oder Sabotagetätigkeiten, terroristischen Aktivitäten oder Teilnahme an Genoziden brachten meine Gedanken sehr durcheinander.
Leise, beinahe unbemerkt mischte sich ein Gedanke ganz anderer Art ein: Die Frage nach dem „Danach“! Auf diese Reise hoffte ich schon so lange wie auf keine andere, und körperlich gibt es vielleicht kaum noch Verbesserungen. Denn obwohl mir Dr. Hebener versicherte, dass mein Zustand nach dem Schub wieder wie zuvor sein würde, konnte ich es manchmal fast nicht glauben und hatte jegliches Vertrauen in die Ärzte verloren. Dieser letzte grosse Wunsch, die Reise nach Amerika, würde also nächstens erfüllt sein. Wie sollte es danach weiter gehen?
Doch schlussendlich starteten wir pünktlich und voller Erwartungen.
Seldwyla – San Francisco
Sonntag, 22. April 2012, gegen 10 Uhr morgens
Schneeflocken in Leintuchgrösse und die entsprechende Temperatur zwangen uns an diesem Morgen, Kappen und Winterjacken anzuziehen. Ich ärgerte mich, weil ich überzeugt war, dass an unserem Ziel eine solche Garderobe völlig überflüssig sein würde. Meine sorgfältig gestylte Frisur war schon auf den ersten 500 Metern Fussmarsch zum Bus im Eimer. Das grosse Gepäck hatten wir schon aufgegeben und es würde uns hoffentlich in San Francisco erwarten. Es war schon ein eigenartiges Gefühl, sich statt mit schweren Koffer nur mit einem kleinen Rucksack und Handgepäckrollkoffern auf diese Reise über das grosse Wasser zu machen. Peter bestand auf diesen Service und ich muss zugeben, dass er wirklich viel entspannter war. Auch am Flughafen in Kloten konnten wir viel schneller einchecken. Wir mussten nur vor den Toiletten Schlange stehen.
In meinem Kopf kämpften viele Unsicherheiten mit der Zuversicht, dass schon alles klappen würde, weil mir das Reisen ja Flügel verleiht. Jeder Schritt brachte uns dem bekannten Hochgefühl näher, das wohl alle Reisenden irgendwann spüren: ab jetzt nur noch zurücklehnen und geniessen!
Wir wussten auch schon wieviel Geld jeder pro Tag ausgeben durfte, damit es bis zum Schluss der Reise reichte. Dieses Detail trug wesentlich dazu bei, gewisse Spannungen, die seit längerem in unserer Partnerschaft grassierten, in den Griff zu bekommen.
Der Flug war pünktlich, aber sehr eng. Darum wollte ich mir merken: Economic reisen mit dieser Fluggesellschaft – lieber nicht mehr!
Um es vorweg zu nehmen, es gab noch mehr Begebenheiten auf dieser Reise, die ich eigentlich lieber zu Hause auf den Sofa liegend erlebt hätte. Aber es war beschlossene Sache: solange ich noch gehen konnte, wollte ich jedes Jahr eine Reise unternehmen. Andersherum gesagt: ich durfte nicht aufhören zu gehen, damit ich reisen konnte.
Mein Mann war der ritterliche Träger, der umsichtige Pfleger und manchmal auch der Liebhaber in dieser Unternehmung. Er selber sah sich eher als Berater. Aber seine wichtigste Fähigkeit bestand darin, etwas zu lesen und es im richtigen Augenblick auch noch zu wissen! Zumindest wusste er, wo nachzuschauen war.
Da konnte es schon mal vorkommen, dass er nach der Gepäckausgabe am Zielflughafen die Unterlagen des Reisebüros suchte, um zu sehen, wo sich der Shuttlebus für den Transfer zum Hotel befindet, während ich so schnell als möglich an die frische Luft wollte (was dann den ersten Taxikontakt ergeben hätte…). Doch das wollte er nicht, weil der Shuttle schon bezahlt war – und schon hatten wir die schönste Reiberei. Nun, auf dieser Reise wollte ich mich nicht in Taxiausgaben verstricken, schliesslich gab es auch noch Cable Cars, aber soweit waren wir noch nicht.
Der Flug war unglaublich schön. Die Sicht aus den kleinen Flugzeugfenstern ist immer etwas mühsam, doch dank einer Kamera unter dem Cockpit konnten wir auf einem Monitor alles sehen, was wir überflogen: Europa schien rötlich-braun, als sei es frisch der Winterkluft entstiegen und habe sich noch nicht entschieden, welches Frühlingskleid es anziehen wolle. Einige Orte sahen aus, als ob sie noch vom Wintersmog beherrscht würden, so richtig dreckig. England zeigte sich in verhaltenem Grün und die wellenförmigen Ebenen von Schottland grüssten freundlich zu uns hinüber. Leise und ohne Druck stellte Peter seinen Fuss auf meinen. Das war ein altes Zeichen aus Jugendtagen, und es bedeutete:
„Ich möchte Dich küssen.“
Unten sah man das fantastische Grönland. Die klaren Farben des weissen, reflektierenden Schnees und Eises und des Meeres, das dunkelblau an die eisgrünen Ufer brandete. Diese Eiswüste sollte also schon mehrfach durchquert worden sein? Unwillkürlich fror es mich bei diesem Gedanken. Doch unsere Maschine brummte zuverlässig und in konstanter Flughöhe dem Ziel entgegen. Sie schien zu murmeln: „Keine Angst, kleine Ma’m! Gönn’ Dir ruhig ein Nickerchen.“ Doch dazu war ich viel zu angespannt.
Wir überflogen eine Passage mit vielen Inseln, die dem kanadischen Festland vorgelagert waren. Von oben sah Kanada aus, als ob es nur viel Schnee und Wälder gäbe, man sah keine Zeichen von Zivilisation.
Die Bilder aus Goldgräberfilmen, in denen eisige Winter mit Schlitten und Hunden auf abenteuerliche Weise überlebt wurden, und Trapper mit Fellen handelten, stiegen augenblicklich vor meinem inneren Auge auf. Zum Glück hörte ich dann das vertraute Klappern, welches entsteht, wenn das Essen aus der Bordküche hervorgezaubert wird. Bald streifte ein Geruch von warmen Essen um meine Nase und belebte meine Sinne. Leider gab es kein typisches Trapper-Essen, keine Bohnen und auch keine Lagerfeuerromantik. Es würde auch gar nicht mehr lange dauern, bis ich erkennen sollte, welch ungemeiner Luxus es ist, an Bord warm essen zu können!
Unter dem Flugzeug sah ich immer wieder wüstenartige Ebenen. Ich genoss plötzlich die Nähe meines Mannes, tastete mich an seinem Arm entlang hinunter bis zu seinen Händen und spürte die Wärme seiner Haut. Ein kleines, stilles Lächeln verband uns in unserem Glück und in diesem Augenblick verstanden wir uns zum ersten Mal wortlos: „Schau an, so weit haben wir es zusammen gebracht. Wer hätte das jemals gedacht!“. Lächelnd sagte ich zu meinem Peter: „Weisst Du noch, wie unsere Eltern damals reagiert haben, als wir das Haus kauften? Wie sie uns prophezeit hatten, dass wir uns dafür versklaven würden, uns keine Auslandsreisen mehr leisten könnten und dass dies den Kindern den Horizont verbauen würde. Nun, wo ich die Hoffnung auf diese grosse Reise längst aufgegeben hatte, wurde sie plötzlich möglich, dank ihrer Hilfe.“
Irgendwann überflogen wir die Black Stone Desert. Das weiche, hügelige Ödland fesselte meinen Blick. Praktisch ohne Wasser lag es da und war total lebensfeindlich, was von oben kaum zu erkennen war. Dann folgte ein abrupter Wechsel des Ausblickes: das Wüstenhochplateau ging über in einen äusserst fruchtbaren und in allen Grüntönen strahlenden, von Strassen und Orten durchzogenen Landstreifen vor dem Pazifik.
Es war geschafft: die engen Sitzverhältnisse würden bald überwunden sein und der Anflug auf San Francisco war atemberaubend schön. Soweit das Auge reichte sahen wir kleine Häuser und Quartiere in unterschiedlichen Baustielen und überraschend wenig Wolkenkratzer tauchten auf. Die erwartete Strenge von Planquadraten mit gleichförmigen Strassen und Blocks fehlte gänzlich. Stattdessen waren die Wohngegenden in die bestehende, hügelige Landschaft eingebettet worden. Die Sonne liess alles freundlich strahlen und das Flugzeug flog eine weite Schlaufe während es an Höhe verlor, was uns einen einmaligen Rundblick schenkte. Jede Kleinigkeit war deutlich sichtbar und es herrschte eine Temperatur von 19 Grad Celsius am Boden. Was für ein gediegener Empfang!
Vielleicht haben Sie sich schon gefragt, warum wir meist im Frühling reisten. Der Grund hing mit der MS zusammen, denn die Sonne war aufgrund der UV-Strahlen und der Hitze gefährlich für mich, da beides einen Schub auslösen konnte. Meinen Kopf schützte ich daher meist mit einem Sonnenhut mit UV-Schutz und auch die Sonnenbrille war mein ständiger Begleiter. Ich weiss nicht, wie oft mein Mann sich schon erschreckte, wenn er im Winter abends nach Hause kam und ich mit der Sonnenbrille auf der Nase vor dem Fernseher lag – denn die Sonnenbrille fand ich im Gegensatz zur normalen Brille erstaunlicherweise immer…
Ein weiterer Grund für das Reisen im Frühjahr war, dass ich im April Geburtstag habe und seit alle wichtigen Leute in meinem Umfeld sagen, dass ich unbedingt das machen solle, was mir Freude macht, versuchte ich meinen Geburtstag immer gerne in eine Reise einzupacken.
San Francisco
Marriot’s Hotel, Marketstreet, 27. Etage
Montag, 23. April 2012
Da wir am Sonntag, nach der Ankunft, wegen akutem Schlafmangel schon um 18.00 Uhr ins Bett gingen, erwachte ich einige Male in der Nacht. Die fremden Geräusche der nächtlichen Stadt und die ungeheure Anspannung auf das Neue und Unbekannte liessen mich unruhig schlafen. Mir schien, als ob mehrere Pressluftbohrer unaufhörlich die ganze Nacht hindurch arbeiteten.
Ich war aber nicht ganz sicher, ob mir mein Gehör nicht wieder einen Streich spielte. Schon viele Jahre hindurch erwachte ich nachts wegen Telefonläuten, das aber nur in meinem Kopf stattfand.
Die MS lässt mache Leute Dinge hören und sehen, die nicht wirklich existieren; seit ich das wusste, war ich ruhiger. Vorher traute ich mir selbst nicht mehr, was ein Grund mehr war, mich zurückzuziehen. Die Anteilnahme meines Mannes half mir. Oft klärte er Dinge ab, die nur ich wahrgenommen hatte, und er beruhigte mich immer. Wenn ich über ein Gespräch nachdachte, erschienen mir nachträglich die Äusserungen anders und ich wertete konsequent alles gegen mich. Da half nur liebevolles, zuversichtliches Entgegenkommen der Umwelt und vermutlich meine Fischöltherapie neben den Therapiestunden bei einem Psychologen.
Verrückt, ja wirklich, und manchmal nicht auszuhalten! Sind meine Reisen vielleicht auch ein Davonlaufen vor diesen Problemen?
Doch zurück in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, nach San Francisco in den 27. Stock. Wegen diesem eigenartigen Lärm erlebte ich die blaue Stunde am Morgen – ein kaum wahrnehmbares Licht, welches zuerst das Leuchten der unzähligen Strassenlaternen in meinem Blickfeld verstärkte. Sie schimmerten bezaubernd schön wie sorgsam aufgereihte Perlenschnüre, die jemand irgendwo in die Nacht hineingehängt hatte.
Mit zunehmendem Morgenlicht zeichneten sich nach und nach auch die Konturen der Stadt in die Schwärze der Nacht, ihre Anhöhen und Strassenverläufe, die Hochhäuser und die Boulevards. Alles wurde langsam plastischer und war in ein weiches Rosa getaucht. So entstanden steile Hügel und die Lichter der Autos tröpfelten gemächlich, erst vereinzelt, dann in immer dichterem Fluss, von diesen Höhen hinunter in Tunnel und in das Häusergewirr der Stadt, wo sie schliesslich verschwanden.
Eigentlich war es pure Neugierde, die uns gegen Mittag aus dem Bett lockte. Das Leben in Amerika, wie fühlte es sich an? Die Sonne schien und es war frühlingshaft warm, also ideale Bedingungen, um das Abenteuer zu beginnen.
Schnell packten wir den Fotoapparat, den Stadtplan und die Nordic-Walking-Stöcke ein und stürzten uns 27 Stockwerke tiefer in das quirlige Montagsfieber dieser Stadt.
Die Nase dirigierte uns Landratten in Richtung Meer. Dabei trafen wir bald auf eine Endstation des berühmten Cablecars. Dort hielten sich bemerkenswert viele Bettler auf, die offensichtlich auf der Strasse übernachtet hatten. Auf unserer ganzen weiteren Reise haben wir nicht mehr so viele randständige Menschen gesehen wie in San Francisco.
Doch lange blieben wir nicht dort, es drängte uns, die Beine zu bewegen! Heute sieht man in San Francisco Trams aus ganz verschiedenen Ländern. (Früher wurden in SF Waggons produziert: die berühmte Bahn in Mallorca, von Palma nach Sollèr, wurde 1912 von San Francisco nach Mallorca exportiert.)
Die Marketstreet führte zu den Piers (Handelsschiffanlegestellen mit Lagerhäusern), wo wir uns endlich einen gemütlichen „Coffee“ genehmigten. Peter war kaum zu halten; er war sehr besorgt, weil er sich fragte, wie ich wieder zum Hotel zurückkommen würde. Immerhin waren wir seiner Meinung nach schon ziemlich weit in die „unbekannte Stadt“ vorgedrungen. Doch die Entdeckerlust liess mich alles vergessen und ich wollte nicht zurück.
Unterwegs sahen wir erstaunlich viele Strassengräben und aufgerissene Fahrbahnen sowie Arbeiter, die wie unter Hochdruck im Erdreich wühlten. Dennoch war es schön am Meer und wir gingen weiter bis zum 69. Pier, zur „Fisherman’s Wharf“, die einige touristische Attraktionen bot. Inzwischen waren wir mehr als eine Stunde gewandert.
Unterwegs erlebte ich die liebenswerteste kleine Story seit langem: Ein kleines Mädchen im Alter von ungefähr drei Jahren war an der Hand ihres Papas am spazieren. Sie war sehr hübsch angezogen mit Röckchen und Strümpfen und setzte sich auf einen kleinen Mauervorsprung des Kais, um die Beine baumeln zu lassen. Der Vater kauerte sich daneben. Sie beobachtete mich interessiert, wie ich nach Fotomotiven suchte und sagte dann ernsthaft: „She’s nice!“. Ihr Papa bejahte murmelnd und richtete seinen Blick auf mich.
Kinder sagen die Wahrheit! Der Ausspruch kam so unerwartet und tat mir an diesem Tag, als der Jetlag noch nicht ganz verschwunden war, wirklich gut. Fröhlich und hochmotiviert stöckelte ich mit meinen Walking-Stöcken weiter.
Fisherman’s Wharf war von viele Touristen besucht und zu essen gab es Choulder, eine Suppe im Brot, und köstliche, frischeste Crevetten. Für mich war es zu üppig. Ich fragte einen ganz jungen Bettler, der einen Zettel mit der Aufschrift „HUNGRY“ vor sich hingelegt hatte, ob er den Rest meiner Suppe wolle. Mühsam hob dieser den Blick und bejahte. Gerne gab ich ihm die noch warme Mahlzeit und ging weiter. Heisshungrig stürzte er sich darauf. Nach einigen Schritten drehte ich mich um, weil ich genau wusste, was kommen würde: Ein grosser, gut angezogener Mann trat zu dem Bettler und redete auf ihn ein. Mir schien, dass er ihm am liebsten das Essen abgenommen hätte.
Als wir an einem anderen Tag denselben Jungen wieder antrafen, lautete die Aufschrift auf seinem Zettel „Need’s money“… Das Phänomen, dass die Bettler ihre Einkünfte nicht für sich behalten konnten, ist mir im Ausland schon oft aufgefallen.
Die richtige Cablecar-Linie, die uns in die Nähe unseres Hotels zurück gebracht hätte, fanden wir heute nicht. Doch ich war einfach zu erledigt, um in der Marschrichtung weiter zu gehen und zu sehen, was uns hinter der nächsten Strassenbiegung erwartet hätte.
Auch die Rückkehr war zu anstrengend; dummerweise hatte ich meine powerspendenden Vitamine nicht mitgenommen. Wir waren beide müde und heilfroh, dass sich sofort ein freies Taxi fand. Später wurde uns bewusst, dass dies als kleines Wunder angesehen werden sollte.
Nach einer ausgedehnten Ruhepause brachen wir zu unserem ersten Abendessen in Amerika auf. Zu Hause hatte ich sorgfältig das Restaurant ausgesucht. Im Hotel sagte man uns dann, wie wir es fänden: „Es ist nicht weit, Ihr könnt gut zu Fuss hingehen. Einmal links bis zum übernächsten Block, dann rechts und dann seht ihr es schon!“
Zu unserer grossen Überraschung fanden wir das Lokal auf Anhieb und ein Erfolgsgefühl, gepaart mit der Zuversicht, dass wir Amerika schon erobern würden, versetzte uns in eine gehobene Stimmung. Tatsächlich war es aber die grosse Ausnahme, dass dies so gut geklappt hat.
Das Restaurant war japanisch und zurückhaltend ausstaffiert. Die Serviceangestellten waren eine Augenweide: mandeläugig, feingliedrig und hervorragend gekleidet. Sie behandelten uns mit so ausgesuchtem Respekt, dass ich mir plötzlich meiner Abstammung nicht mehr ganz sicher war. Zunächst gönnten wir uns einen Apéritiv, der lecker klang: „Goldgräberdrink, Originalrezept von 1826 mit Sparkling Wine. Das war genau auf meiner Linie und schmeckte unvergleichlich, wenngleich vielleicht ein wenig nach Medizin. Die Wirkung in meinem Kopf aber war, naja sagen wir: ich war ausgelassen.
In meiner Therapie ist Alkoholgenuss im Rahmen von einem Glas Rotwein pro Tag erlaubt und es ist auch erlaubt, bei Einladungen alles zu essen. Bei heissem Wetter sollten MS-Patienten allerdings besser auf Alkohol verzichten. Da ich zu Hause selten Wein trinke, hat sich meine Toleranzgrenze deutlich verringert und ich ertrage nur noch sehr wenig Geistiges. Im Urlaub möchte ich dann alles geniessen und vergesse diese Tatsache leider oft.
Zunächst gab es eine ausserordentlich gute, kleine Vorspeise, offeriert vom Haus: Kobe-Rinds-Würfel an einer himmlischen Sauce und ein „Zahnlückenfüllerchen“ von Gemüse, das ich nicht kannte. Dazu tranken wir ein Glas Syrah, was auch gut zur nächsten Speise passte: Karéeförmige Rindsstückchen vom Kobe-Rind mit etwas mehr Gemüse. Dies hatte ich als gemeinsame Vorspeise gewählt. Peter hatte Ente als Hauptgang ausgesucht.
Aus einem aus späterer Sicht unerklärlichen Grund dachten wir allerdings, dass es sich bei der Vorspeise um Peters Ente handelte, und so ass er das Rindsgericht alleine. Die Bedienung tuschelte und kam mehrmals am Tisch vorbei, um zu fragen, ob alles in Ordnung sei. Ich fand einfach, dass sie das mit der Vorspeise für zwei Personen wohl nicht ganz begriffen hätten, sagte nichts, und wartete hungrig, aber geduldig, auf mein Essen. Danach kam aber nur noch Peters Ente… Ich wollte wegen des Fetts keine Ente essen und ich weiss wirklich nicht mehr, wie wir aus dem Schlamassel herauskamen.
San Francisco
Marriot’s Hotel, Marketstreet
Dienstag, 24. April 2012 – My Birthday
Mein diesjähriger Geburtstag begann sehr früh am Morgen: um 2.14 a.m. machte sich ein Geschenk bemerkbar, das ich mir am Abend vorher selber eingebrockt hatte: mir war speiübel. Dieser erste Drink in Amerika hinterliess eine Spur der Verwüstung in meinem Kopf. Gegen 3.00 a.m. hörte ich mal wieder Presslufthämmer und dachte, dass wir in der Schweiz tagsüber auch weniger Staus haben würden, wenn nur in der Nacht gebaut würde – dass es aber auch sehr mühsam war, wenn man keine Nacht wirklich ruhig schlafen konnte.
Als es direkt vor unserem Hotel geschah, dachte ich, dass es wohl eine auditive Fatamorgana sei, da es aufhörte, sobald ich richtig wach war. Ich war leicht angekratzt, so wenig Nachtruhe fürs Geld zu bekommen. Immerhin wusste ich jetzt, dass wirklich an den Strassen gebaut wurde, wie wir ja auf unserem ersten Marsch gesehen hatten.
Am Tag liess ich es ruhig angehen, genoss die Aussicht aus unserem Hotelzimmer und Peter erkundete alleine die Stadt. Er besorgte sich eine Tageskarte für die Cablecars und hatte viel Spass damit.
Am Abend wollten wir wieder ein ausgesuchtes Lokal besuchen, um gediegen meinen Ehrentag zu feiern. Wir verliefen uns dabei jedoch erbärmlich im Strassengewirr und es war kalt. Vermutlich hatten wir nur die erste Querstrasse vor der Hoteltüre falsch erwischt, sind links herum gegangen statt rechts herum und schon kamen wir in eine wirklich gefährliche Gegend.
Der Verkehr auf der Hauptverkehrsstrasse war sehr schnell und es gab keine Leute mehr auf den Bürgersteigen. In halboffenen Türen standen Afro-Amerikaner und beobachteten uns argwöhnisch.
Die Strassen waren dreckig und in schlechtem Zustand, aus den Gullys stank es jämmerlich. Die ganze Atmosphäre atmete feindlichen Widerstand, nicht einmal ein Taxi liess sich kapern. So suchten wir den Rückweg, stürzten frierend und halb verhungert in irgendein Restaurant, wo es leider nur fettiges Essen gab, ohne jede Romantik oder Freude. Ich war zutiefst enttäuscht dass uns dies ausgerechnet an meinem Geburtstag passierte, für den ich doch etwas ganz anderes erwartet hatte. Überraschend unkompliziert fanden wir nach dem Essen den Weg zurück zum Hotel und ich schlief früh und erschöpft ein.
San Francisco
Mittwoch, 25. April 2012, 8.15 a.m.
Am drauf folgenden Tag hatten wir uns dazu entschieden, eine Sightseeing-Tour mitzumachen, um die vielen Sehenswürdigkeiten dieser grossen und berühmten Stadt zu besuchen. Leider hatten wir verschlafen, nichts gegessen und den Doppeldeckerbus beinahe verpasst. Es war kalt und wir froren auf dem offenen Dach des Busses.
Ich fürchtete schon, mit San Francisco nicht mehr warm zu werden. Doch dann kam ein günstiger Moment: als wir bei einem Kloster der spanischen Mission Halt machten und jemand im Innern des Gebäudes laut rufend um Spenden bat, drehten wir uns angewidert um, fanden einen Vegan Coffee Shop in der Nähe, wo wir genüsslich frühstückten – Chai-Latte, vegane Cakes und Fruit Cups. Der Rest der Besichtigung verlief viel freundlicher, interessanter und liebenswerter.
Mir fiel auf, dass der Staat hier der grösste Arbeitgeber ist und die Uni der zweitgrösste. Was für ein eigenartiges Ungleichgewicht. Gab es denn hier so wenig Industrie?
Während der Kopfhörer alles Geschichtliche auf Deutsch erklärte, berichtete der Busfahrer über die aktuellen Ereignisse. Auf der Strasse fielen mir Unmengen von orangefarben ausgeschilderten Umleitungen auf. Das bereitete mir zunehmend Bauchweh und ich fragte mich, ob ich tags darauf mit dem Mietauto wohl den Weg aus dieser Stadt herausfinden würde. Wenigstens erhielt ich nun die Erklärung für den intensiven Strassenbau: Regenwasser war in das Frischwasserleitungsnetz eingedrungen – San Francisco hatte ein echtes Problem.
Unsere Besichtigung führte uns auf Hügel mit traumhaftem Ausblick auf die Stadt und es wurde langsam wärmer. Als wir bei einem japanischen Teegarten anhielten, war ich hin und weg. Alles war so minutiös gepflegt und arrangiert.
Hab’ nix gesehen, alles fotografiert!
Das ist ein geflügeltes Wort in unserer Familie und bezeichnet die gehetzten Touristen, die den Charme eines Ortens mit der Kamera vergeblich ein zu fangen versuchen weil die Kamera alles sieht, der Mensch dahinter aber nichts auf sich wirken lassen kann. Zuletzt besichtigten wir dann „The Bridge“. Das fantastische Bauwerk war beeindruckend schön und kostete viel, weil dauernd etwas repariert werden musste, wie bei uns das Münster. Man nannte seine Farbe das „internationale Orange“, weil es spektakuläre Bilder bei Nebel ermöglichte.
Was meinen Blick magisch anzog, war aber nicht das monumentale Bauwerk, sondern das Meer darunter. Es hatte vielen Untiefen, eigenartigen Strömungen und Wirbel, ohne erkennbare Felsen. Wellen verschiedenster Sorten bewegten das Wasser und liessen erkennen, dass hier mit dem kühlen Nass nicht zu spassen ist. Ohne Schiff wirklich nicht empfehlenswert. Mittendrin steht die Insel Alcatraz mit dem berühmten Gefängnis – ein furchteinflössender Anblick. Leider gibt es hier wohl ungefähr alle zwei Wochen einen Selbstmord.
Gegen Ende der Tour, bei Pier 69, war ich extrem müde. Ich hatte die Fahrtdauer von dreieinhalb Stunden mit dreidreiviertel Stunden verwechselt und sollte meinen Vitamin C-Energie-Schub noch einnehmen. Bei einem Krabbenstand setzte ich mich ungeniert an den Strassenrand und genoss das Krebsbrötchen mit Cola an der warmen Sonne.
Ein Strassenmusikant spielte auf und wir trafen auf ein anderes Schweizerpaar, das offensichtlich die gelöste Stimmung genauso genoss wie wir. Beschwingt gingen wir mit der Musik mit und klatschten im Takt. Jetzt kamen sehr viele Leute vorbei. Im Menschenstrom erkannte ich Bill Crosby, der in Natur, wie so manche andere Hollywood Berühmtheit auch, ein kleiner Mensch ist.
Erklärung
Jemanden auf der Strasse zu erkennen ist schon lange sehr schwer für mich. Das Zuordnen der Namen fällt mir meist schwer. Ich habe im wahrsten Sinne des Wortes eine richtig lange Leitung, da die Nervenzellen von einer Scheidewand und einer Fettschicht umgeben sind.
Beim Krankheitsbild der Multiplen Sklerose zerstören körpereigene Immunzellen, die sogenannten T-Zellen, diese Scheidewand und später die Fettschicht. Alle Reize, die über eine so zerstörte Nervenbahn ins Gehirn übermittelt werden, kommen dort entweder verlangsamt oder überhaupt nicht an. Deshalb kann es vorkommen, dass ich am Ende eines Gespräches den Namen des Gegenübers nur nach langem Nachdenken benennen kann. Manchmal gelingt es mir auch gar nicht, oder ich sage einen falschen Namen.
Dies hat nichts mit der Qualität oder dem Inhalt des Gespräches oder mit meiner inneren Beteiligung zu tun, wird aber meist sofort negativ bewertet. Ich werde nicht ernst genommen und mein Visavis ist verunsichert. Mein persönlicher Tip heisst „Lumosity“. Das sind Spiele im Internet, mit denen man die grauen Zellen auf Trab halten kann. Seit unserer Amerika-Reise mache ich die Spiele auf Englisch und es bringt immer wieder Erfolge.
Ein gut gekleideter Asiate sass neben mir am Randstein und genoss sein Mittagessen. Plötzlich bückte er sich, da er einen Penny gefunden hatte. Wir lachten darüber und er warf ihn einfach dem Strassenmusikanten in den Topf.
Na, das hätte ich dann mit diesem Glückspenny wohl doch nicht gemacht!
Hallo, ist da jemand abergläubisch?
Eine junge Frau kam vorbei und verteilte einen Vitamin C-Drink, genau das Richtige für mich! Danach ging es mit dem Cablecar zurück in unser Hotel zum Ausruhen.
Später stürmten wir den Levi’s Jeansladen. Den musste ich einfach sehen, denn ich hatte schon jahrelang sehnsuchtsvoll davon geträumt, einfach einmal in diesen Laden gehen zu können und Hosen zu kaufen, die perfekt sitzen.
Meine Grösse fand ich sonst nur in Katalogen. Es soll ja in Amerika sehr viele Menschen geben, die stark übergewichtig sind und sich ja auch irgendwo Kleider kaufen müssen. Wir hatten einen Bon für 7 Dollar Ermässigung pro Jeans gefunden, den ich unbedingt einlösen musste. Ja, warum sollte ich hier meinem Hobby, der Schnäppchenjagd, nicht frönen?
Den Laden fand ich ganz ohne Stadtplan, weil wir schon einige Male daran vorbei gegangen waren. Beim Einkaufen funktioniert anscheinend die weibliche Intuition oder ein anderer innerer Kompass besser als beim gewöhnlichen Erkunden einer Stadt! Meine Vorstellung von der Glorie des Geschäftes relativierte sich aber schnell, denn ich fand keine passende Hose für mich und war wieder einmal sehr frustriert deswegen.
Letztendlich konnten wir zumindest für Peter und unseren Sohn Hosen von Topqualität zu erstaunlich niedrigem Preis erwerben und so war immerhin sichergestellt, dass ich in Zukunft jede Woche beim Waschen an San Francisco denke.
Yosemite National Parc (YNP)
Donnerstag, 26. April 2012, Anreise
Um 9.00 a.m. waren wir bei der Mietwagen Station. Es regnete in Strömen. Wir mussten anstehen und trafen dabei auf das Schweizer Ehepaar, das einige Tage zuvor mit uns in der Fisherman’s Wharf am Strassenrand gesessen und Musik gehört hatte. Sie wollten mit dem Motorrad die Route 66 hinunter nach Süden fahren und der Mann sagte etwas kläglich, dass er zweifle, ob er jemals aus dieser grossen Stadt hinaus kommen werde. Ich hingegen war zuversichtlich, weil ich zwei Notfallpläne im Kopf hatte: mein mitgemietetes Navigationssystem konnte Deutsch und falls das nicht genügen sollte, würde ich einen Taxifahrer bitten voraus zu fahren.
Unser Wagen stand in der 9. Parkhausetage im Freien. Doch da standen noch viele andere Autos im Regen. Mit dem Schlüssel versuchte ich, den richtigen Wagen durch das Blinken ausfindig zu machen. Fehlanzeige.
Wir waren völlig durchnässt und mein Mann schimpfte bereits laut, als wir ihn endlich fanden. Der Schlüssel aktivierte das Hupen und nicht das Licht! Der Ärger liess uns innerlich schon ein wenig kochen und die Anspannung wegen der bevorstehenden Herausforderung des herrschenden Verkehrs lastete schwer auf mir.
Als alles verstaut war, redete ich dem Navigationssystem gut zu und los ging’s. Natürlich hatte ich den Vermieter zuvor gefragt, ob es Schnee auf der Strasse zum Yosemite National Park gebe, denn sie blieb meist bis zum Monat Mai gesperrt. Er sagte: „Ja, natürlich gibt es Schnee, es gibt sogar Schneebretter neben der Strasse. Sie können aussteigen, auf die Bretter springen und lossausen!“.
Dann fragte ich, ob auch genug Öl im Motor und auch sonst alles in Ordnung sei mit dem Wagen. Er lächelte: „Ja, es ist alles O.K.!“. Irgendwann wusste ich nichts mehr zu scherzen und musste in den Verkehr hinaus.
Das Navigationssystem hatte viel Geduld mit mir und berechnete die Route immer wieder neu, aber die deutsche Sprache war ihm nicht zu entlocken. Doch davon wollte ich mich nicht abbringen lassen, denn ich fühlte mich schon recht sicher in der englischen Sprache.
Ich durchkreuzte einige Stadtviertel mehrere Male, alles in allem ungefähr 20 Minuten lang. Längst waren mir die ewigen Fussgänger und Rotlichter egal geworden und auch Peter, der immer noch nicht fährt, heizte die Stimmung tüchtig an mit seinen Kommentaren, die ich schon in der Schweiz kaum ertragen konnte.
Da plötzlich kam die Auffahrt zum Highway und wir waren vorübergehend gerettet. Die Kleider trockneten auch langsam und wir wollten bei der nächsten Raststätte hinausfahren, um die Toilette aufzusuchen. Nach über hundert Kilometern ohne Raststätte bemerkten wir, dass es dort so etwas gar nicht gab, aber ich hatte zu grosse Bedenken, den Highway zu verlassen, weil ich befürchtete, die Auffahrt wieder nicht zu finden. So hielten wir durch bis unser Weg auf einer Hauptstrasse weiter ging. Um 11.15 a.m. sassen wir dann einigermassen gemütlich in einem Cindy’s, assen und wurden wieder guter Dinge. Ab dort schien dann auch wieder die Sonne.
Die Umgebung wurde immer ländlicher, genauso wie ich mir Amerika immer vorgestellt hatte: riesige Felder und vereinzelte Gebäude. Die Amerikaner fahren ziemlich relaxt Auto – einfach toll.
Auch ich hätte die lange Fahrt besser geniessen können, wenn ich gewusst hätte, wie man den Tempomaten einstellt. Das rechte Bein schmerzte bald bis in die Hüfte und der rechte Fuss schmerzte ebenfalls brüllend. Schmerzmittel hätten mich jedoch zum Fahren zu müde gemacht und so zog ich die Sache bis zum Ziel durch.
Landschaftlich bekam ich nicht mehr viel mit. Es galt einen Pass zu überwinden und dort oben herrschten gerade einmal 6 Grad Celsius, wenn ich richtig gerechnet hatte, denn in den USA misst man die Temperatur ja in Fahrenheit statt in Celsius.
Was mich als Automobilistin jedoch verwunderte, war, dass die Strasse auch in höheren Regionen breit, gut ausgebaut und mit hervorragendem Asphalt versehen war. Sämtliche Kurven waren weit und verhalfen mir, alles in einem zügigem Tempo anzugehen. Nach der Passhöhe führte die Strasse genauso schnell und komfortabel in die Tiefe.
Irgendwann passierten wir den Eingang zum Yosemite National Park, wo wir mit einem Eintrittsgeld von 20 US-Dollar rechneten. Aber man schenkte es uns, „da es gerade ein Regentag sei!“ Thanks! Es stimmte schon, dass es regnerisch war auf dieser Seite des Passes, dennoch waren wir tief beeindruckt von der Grösse dieser Urlandschaft. Meist umgab uns der Wald und hatte man einmal freie Sicht, so sah man wieder auf Wälder und Felsen.
Mich hätte es nicht gewundert, wenn wir irgendwo übrig gebliebene Indianer angetroffen hätten, alles war so urtümlich. Es ist schwer auszudrücken, wieso dieser Eindruck in mir erwacht war, vielleicht, weil es keine Anzeichen von Zivilisation gab. In meinem Kopf trommelte wieder etwas, was mir schien, als müssten es die Trommeln vom nächsten Lagerfeuer sein. Peter sagte, dass er nichts hörte.
Mit letzter Kraft kamen wir auf dem Talboden bei unserem Hotel an. Fünf Stunden nach dem Start in San Francisco und mit bohrenden Schmerzen auf der ganzen rechten Körperseite.
Unser Zimmer war ebenerdig gelegen, eine Mischung aus 4-Sterne-Hotel und Safari Lodge, eigentlich einfach und alt, aber dennoch in Ordnung. Nach dem ersten Schlaf assen wir etwas, dann folgte der zweite Schlaf, diesmal im Pyjama.
Bei jedem weiteren Erwachen musste ich mich wärmer anziehen, um 2 Uhr fror ich unter zwei Winterdecken und Peter brachte mir meine Thermounterwäsche, die Winterjacke und die Kappe. „Die Heizung macht nur Lärm“, sagte er. So eingepackt schlief ich bis halb neun, so lange wie noch nie auf dieser Reise.
Das Donnern in meinem Kopf hörte dennoch nicht auf. In unserem Zimmer gab es einige interessante Warnhinweise: „Wenn sie sich nicht wohl fühlen, so ist das die Höhenkrankheit. Sie dürfen dies nicht unterschätzen und sollten sich in der Klinik melden. Geben Sie auf sich Acht und melden Sie sich.“ Oder: „Bitte lassen sie Fenster und Türen geschlossen, Wildtiere können durch den Geruch von Lebensmitteln angezogen werden!“ Dass es hier Bären geben könnte, schien uns sehr gut möglich, aber so nahe bei uns? Wir mussten aus diesem Grund sogar den Wagen in die Nähe der Rezeption abstellen. Oder waren die kleinen B-Hörnchen gemeint, die ähnlich aussehen wie unsere Eichhörnchen, aber sehr viel frecher waren?
Yosemite National Parc (YNP)
Freitag, 27.April 2012
Wärmstens verpackt in meine Winterkleider ging ich zum Frühstück, welches in einer besseren Hühnerhalle stattfand – entschuldigen Sie bitte den Ausdruck.
Das Restaurant war riesig, mit Unmengen von langen Tischen und hoch wie ein Hangar. Die Fenster waren gross und wirkten kalt, an verschiedenen Orten konnte man diverse Frühstücksvarianten kaufen, die sicher alle grossartig schmeckten.
Wir fühlten uns aber wie kleine Mäuse, regelrecht verloren in diesen Dimensionen, die für mehrere Hundert hungriger Touristen berechnet waren. Zunächst konnten wir die anderen Leute noch zählen, doch gegen Ende unserer Mahlzeit war die Halle annähernd voll.
Es waren vor allem asiatische Gäste, die sehr verschlafen wirkten und offensichtlich mit Bussen hergekommen waren. Manche Leute waren warm angezogen wie ich, andere trugen nur T-Shirts und Slippers. Was war nun angemessen? Außerdem staunten wir auch darüber, wieviel Essensreste die Touristen zurück liessen. Es war unglaublich und unbeschreiblich. Beschämt leerten wir unsere Teller zwischen Wällen von halb leer gegessenen Salattellern, Brot und Waffeln. Warum nur gab es so viel Abfall? Alles, was wir probiert hatten, war doch wirklich gut.
Wieder an der frischen Luft gingen wir zum „Fall“. Gemeint war ein riesiger Wasserfall, der jetzt im Frühling reichlich Wasser führte. Mit jedem Schritt in seine Richtung wurde das Donnern in meinem Kopf verstärkt, bis ich es endlich als Getöse dieses Wasserfalles einordnen konnte.
Fotos hier, Fotos da, Japaner hier, Japaner da. Ein gut ausgebauter Wanderweg führte uns vorbei an grossen Gesteinsbrocken aus Bergstürzen und an blühenden Bäumen und bot immer wieder herrliche Ausblicke auf schöne Berghänge. Knorrige und verkohlte Fichten ragten in den blauen Himmel und die Sonne erwärmte mich endlich.
Ich war tapfer mit meinen Stöcken unterwegs und liess mich von den fragenden und mitleidigen Blicken, die ich haufenweise von den anderen Touristen erntete, nicht aus dem Takt bringen. Mir taten eher die alten und gebrechlichen Asiaten leid, die keine Stöcke hatten und teilweise kaum alleine gehen konnten oder kümmerlich wie ein Häufchen Elend auf einem Bänklein sassen, um sich etwas zu erholen.
Wir wanderten einem Bach entlang und ich fand dunklen Quarzsand, der auf Goldvorkommen schliessen liess. Später sahen wir viel glitzernden Goldstaub am Ufer. Es war beschaulich, ruhig und schön. Vergessen war die Hektik der Stadt und der Stress des Reisens. Wir waren ganz bei uns.
Golden schimmerte das Licht durch das noch junge Blätterdach und spiegelte sich, verspielt aufblitzend, in den Wellen des zügig vorbeigleitenden Gewässers. Plötzlich erinnerte ich mich, was ich in der letzten Nacht geträumt hatte: ein Häuptling mit Federn auf dem Kopf, in Lederkleidung und mit wunderschön gebogener Adlernase hatte zu mir geredet, so als wolle er mir etwas ganz Wichtiges verständlich machen. Doch trotz des eindringlichen Appells verstand ich ihn nicht. Mit einer Handbewegung wischte ich die Erinnerung an den Traum weg und dachte, wie schon so oft, dass ich alles zur rechten Zeit erfahren würde, wenn es wirklich wichtig für mich war.
Als ich dann zwischen den Bäumen schöne Ponys entdeckte, war ich wieder nicht mehr ganz sicher, in welcher Welt ich mich gerade befand. Denn ich liebte Pferde und sie gehörten doch zu jeder Indianererzählung, nicht wahr? Manchmal blitzten auch gleissende Granitbergrücken in unserer Aussicht auf. So unwirklich strahlend und schön, dass es sich nicht auf Fotos bannen liess!
In Curry, so hiess ein Ort mit Restaurant, assen wir dann einen Wildlachsburger, der mir nicht richtig schmeckte, und fuhren anschliessend mit dem Shuttlebus zum Hotel zurück. Das Wetter war sonnig und angenehm warm.
Gegen 16 Uhr genossen wir einen Tee und etwas Süsses auf der Terrasse des Restaurants. Ein B-Hörnchen sowie so etwas wie kleine Amseln und Bergdohlen umgaben uns und sandten eindeutige Blicke in Richtung unserer Teller.
An diesem Abend wollten wir am offenen Kaminfeuer im Restaurant essen und früh ins Bett gehen. Am nächsten Tag ging es zurück nach San Francisco und am darauf folgenden Tag sollten wir schon auf Maui sein, in Hawaii, wo es hoffentlich deutlich wärmer war. Aber soweit waren wir noch nicht ganz.
Yosemite National Parc (YNP)
Samstag, 28. April 2012
Als ich unser Auto vor der Rezeption abholen wollte, damit Peter die Koffer einpacken konnte, blieb mir fast das Herz stehen: Das einzige schwarze Auto, das vor der Rezeption stand, also unseres, war total zerkratzt. War es möglich, dass die Bären…? Mir schwanden fast die Sinne: sollte ich jetzt auch noch unzählige Formulare auf Englisch ausfüllen müssen, um dann doch viel Geld für den Schaden ausgeben? Mein Vertrauen in Versicherungen war sehr getrübt.
An der Rezeption erkundigte ich mich, was zu tun sei. Man fackelte nicht lange und rief die Park Rangers. Also ganz ehrlich gesagt, wenn ich nicht so geschockt gewesen wäre über das Ausmass des Schadens, müsste ich zugeben, dass ich den Auftritt dieser jungen Männer genoss.
Die Park Rangers waren ein anderes Kaliber als der gemütliche, rundbauchige, ehemalige Pfadfinder-Ranger, der die Touristen herumkutschierte. Jeder Muskel der Beiden war durchtrainiert und es gab kein Gramm Fett zu viel.
Uniform, Gesichtsform und Blick waren perfekt aufeinander abgestimmt und liessen keinen Zweifel aufkommen, wer hier das Sagen hatte.
Als sie hörten, dass wir aus der Schweiz seien, sagte einer: „Bei euch ist wohl alles perfekt im Gegensatz zu gewissen Mietwagenanbietern hier. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Wagen schon so übernommen worden war!“ Das war natürlich möglich, weil es ja geregnet hatte, als wir ihn entgegennahmen, und wir somit den desolaten Zustand der Karosserie nicht bemerken konnten. „Auf jeden Fall sind das nicht die Bären hier gewesen, es fehlten die Abdrücke der Dreckpfoten!“ So einfach ist das! Sie besprachen sich kurz, dass sie keinen Bericht schreiben wollten, und weg waren sie. Mir graute es vor der Rückgabe des Vehikels.
Ein ziemlich happiges Ereignis stellte sich dann noch zwischen die glückliche Ankunft in San Francisco. Dass das Navigationssystem im National Park nicht funktionierte, war nicht weiter schlimm, weil es quasi nur eine Strasse gab. Ein freundlicher Automechaniker dort half mir sogar, den Tempomaten zu suchen, wenn auch vergeblich. „Bei älteren Modellen funktioniert der nicht immer!“. Na wunderbar. Zurück fahren musste ich aber dennoch. Ich konnte es aber ruhig nehmen, denn wir hatten genug Zeit und meine „Batterien“ waren wieder aufgeladen.
Als das Navigationssystem aber ungefähr 40 Meilen vor San Francisco immer noch nicht funktionieren wollte, auch nach gutem, ernsthaftem und verzweifeltem Zureden nicht, wurde es mir Angst und Bange.
Der Highway wurde immer breiter und ich hatte keine Ahnung, welche der acht (!) Spuren ich zu nehmen hatte.
Wir mussten zum Flughafen kommen, wo wir die „Alptraumschaukel“ abgeben durften. Ich weiss nicht, wie oft ich in meinen unrealistischen Tagträumen davon geträumt hatte, in einem komfortablen Wagen über einen sonnigen Highway zu fahren und die Dimensionen amerikanischer Strassen zu geniessen. Nun bekam ich wirklich genug Einblick!
Es war Samstag und alle Spuren waren total überlastet. Wir standen sehr lange im Stau. Nachdem sich mein Navigationssystem wieder eingeschaltet hatte und mir dauernd befahl, auf dem Pannenstreifen zur nächsten Abzweigung zu fahren, trat dann Plan B in Aktion: Ich verliess den Highway und hielt im Niemandsland bei alten, verlassenen Docks. Eigentlich wollte ich das Auto verlassen, um wenigstens irgendwo etwas zu trinken. Doch bevor ich auch nur richtig ausatmen konnte, sah ich in 20 Metern Entfernung ein Taxi am Randstein stehen. Der Fahrer war gerade dabei, seinen Dienst anzutreten.
Nachdem ich mein Auto so abgestellt hatte, dass er mir nicht einfach wegfahren konnte, fragte ich ihn, ob er uns zu unserem Hotel voraus fahren könnte. Nach längerem Überlegen meinte er: „Ja, aber das kostet mindestens 40 Dollar!“
Können Sie sich vorstellen, wie egal mir das war?
So landeten wir schlussendlich zwar müde und verschwitzt, aber glücklich im Hotel. Und gerade noch rechtzeitig, weil unser Zimmer sonst vergeben worden wäre. Später wies uns das wiedererwachte Navigationssystem den Weg zum Flughafen, wo eine problemlose Übergabe des Wagens stattfand. Nach „nur einer Stunde“ des Suchens fand sich auch der Shuttlebus zum Hotel, wo ich mich endlich ausruhen konnte.
Nein ehrlich, das hätte jeden geschlaucht, nicht nur mich als Benachteiligte.
Als kleines Nachtessen assen wir Ravioli mit Trüffel zum einem exorbitant hohen Preis in einem klimakalten Restaurant, dafür mit einem wunderschönen Blick auf die abendliche Bay von San Francisco und den Flughafen.
Maui (Hawaii)
Sonntag, 29. April 2012
Aloha – zunächst muss ich hier jedoch mindestens einen eine DIN A4 Seite starken Bericht über das elende Check-in im San Francisco Airport unterschlagen, der ganze Reisebericht würde sonst in ein nicht wiedergutzumachendes Ungleichgewicht der Negativität fallen.
Wir flogen vermutlich fünfeinhalb Stunden mit der United Airline auf diese paradiesische Insel. Es ist möglich, dass es eine Zeitverschiebung gab, doch ich kämpfte mit etwas ganz Anderem: es war eiskalt im Flugzeug und niemand schien dafür zuständig zu sein. Es gab auch nichts zu essen und alle warmen Kleidungsstücke waren selbstverständlich im Koffer verstaut, bis auf mein obligates Halstuch. In den Sitztaschen fanden wir ultradünne Decken, die aber auch nicht wirklich gegen das Frieren halfen. Unter uns war nur das Meer, soweit das Auge reichte. Ich war wohl eingenickt, oder schon halb erfroren, denn irgendwann holperte die Maschine auf die Landebahn, und alles Schwere war augenblicklich vergessen.
Der Flughafen auf Maui war üppig begrünt und es herrschten 36 Grad Celsius.
Alles war entspannt und unkompliziert, ja sogar freundlich. Das berühmte Blumengirlanden-Prozedere bei der Begrüssung konnte ich ebenfalls beobachten. Dabei werden Ankommende von schönen Insulanerinnen mit den traditionellen Blumengirlanden begrüsst, behängt und geküsst. Ohne Probleme durfte ich mir hier den schönsten Wagen bei der Autovermietung aussuchen, die übrigens ganz in Frauenhand war. Das Navigationssystem war schnell installiert und los ging es ins nächste Abenteuer.
Auf einer atemberaubend schönen Küstenstrasse fuhren wir in die untergehende Sonne hinein. Ein Anblick bei dem es kein Wunder mehr scheint, dass hier die schönsten Songs entstanden sind. Unser Hotel war schnell gefunden und das Zimmer war in jeder Hinsicht angenehm. Wir fühlten uns königlich.
Zum Nachtessen leisteten wir uns ein Cüpli, danach gab es für mich einen Fisch, der nicht hätte besser sein können. Auch Peters Steak entsprach allen seinen Wünschen. Wir tafelten auf der Terrasse im wunderschönen Garten. Vom nahen Pazifik hörten wir das Rauschen der Wellen, die kühlende Brise roch nach Salzwasser und bewegte leise die Palmen.
Das Tüpfelchen auf dem I war die Hula-Show die ich aus den Augenwinkeln beobachtete und alles, wirklich alles, war schön und gut. Peter allerdings schaute derweil angestrengt in eine andere Richtung, ihm waren die eindeutigen Bewegungen in den bescheidenen Baströckchen und knappen Oberteilen der Hula-Tänzerinnen mehr als zu viel. Ich amüsierte mich köstlich, auch bei dem Gedanken, eine solche nonverbale Einladung später selbst im Schlafzimmer auszuprobieren.
Für den nächsten Morgen offerierte uns das Hotel ein Informations-Frühstück, welches ein Erscheinen genau zwischen 8:00 Uhr und 8:20 Uhr erforderte. Gerne nahmen wir dieses Angebot an und merkten erst beim Betreten der Hotelhalle, dass diese sich über Nacht in einen Kunsthandwerker-Markt verwandelt hatte. War es möglich, dass dies nur ein Werbegag war?
Nach einer angemessenen Wartezeit, damit man shoppen konnte, gab es ein Frühstück in einem fensterlosen, vollklimatisierten und somit sehr kalten Raum. Dazu hörte ich eine Stunde lang amerikanisches Gerede, welches ich kaum verstand. Man konnte unter anderem einen einwöchigen Hotelaufenthalt gewinnen oder eine zweistündige Sonnenschirmnutzung am Strand – so viel habe ich als alte Schnäppchenjägerin dann doch noch verstanden… Aber wirklich Wissenswertes gab es kaum.
Dann trat ein Zauberer in Aktion und öffnete uns die Augen für das, was hier in Wirklichkeit abging: er wollte uns alle verzaubern. Nein, ohne Spass, sie erzählten uns unter anderem, dass alle Zimmerschlüssel verzaubert seien, damit man wieder zurückkomme und auch die Leis (Blumengirlanden, die auch aus anderen Materialien der Insel sein konnten) seien nur dazu da, dass die Leute wiederkämen.
Peter musste sich das Wenige, das ich von allem verstand, übersetzen lassen. Als er letzteres jedoch hörte, wollte er aufstehen und gehen. Irgendwie waren wir danach entgeistert und total entzaubert.
Für uns als gläubige Christen ist Zauberei nämlich leider inakzeptabel. Hätten wir gewusst, was uns erwartet, wären wir ganz bestimmt nicht zu diesem „Frühstück“ gegangen.
Der Glaube an Jesus Christus, Gottes Sohn, hat in der Familie meiner Mutter Tradition. Leider wurde sie, als sie unverheiratet mit mir schwanger war, aus ihrer streng gesetzlichen Gemeinde ausgeschlossen. Fortan wollten meine Eltern nichts mehr von Freikirchen wissen und gingen in die reformierte Landeskirche.
Als ich konfirmiert wurde, wusste ich jedoch, dass diese Auslegung so für mich nicht stimmte. Ein sehr einsamer Glaubensweg begann, was die Bindung zu Jesus jedoch verstärkte. Später war es mein erklärter Wunsch, einen gläubigen Lebenspartner zu bekommen. Peter war dieser Mann. Als ich ihm damals vor der Ehe mein schwierigstes Problem schilderte, gab er mir darauf die gescheiteste Antwort, die ich je gehört hatte: „Wer mit Jesus neu angefangen hat, dem darf man das Vergangene nicht anrechnen!“
Im Lauf der Ehejahre ist unser Glaubensleben immer mehr unter die Räder gekommen und wir fanden auch keine Gemeinde mehr, die uns wirklich wollte. Für mich blieb das Gebet aber ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Es gab und gibt keinen Tag, an dem ich sagen müsste, dass Gott mich vergessen hat.
Erklärung
Als die Krankheit mich traf, wurde mein Glaube enorm erschüttert. Fragen wie, was ich denn bloß falsch gemacht hatte, um so stark die Hand Gottes spüren zu müssen, konnte niemand beantworten.
Auch Peter, der die Schwere meiner Krankheit als Krankenpfleger ganz anders einstufte als ich, geriet innerlich ins Wanken. Er wusste auch, wie intensiv mein Gebetsleben wirklich war. Ich glaubte damals, dass ich nicht alt werden würde. Meine beiden Grossmütter sind nur wenig älter als 50 Jahre geworden und auch meine Lieblingscousine musste schon früh gehen. Einmal sagte Dr. Hebener zu mir: „Sie werden sehr alt werden, machen Sie sich darauf gefasst!“.
Ich aber sah nur das, was nicht mehr funktionierte, und spürte Schmerzen ohne Ende. Den Ärzten vertraute ich nicht mehr. Ich war oft wegen Beschwerden bei Ärzten gewesen, aber erst als ich öfters die Treppe hinunter gefallen war, wurde ich wirklich abgeklärt– mehr als 30 Jahre nach Ausbruch der MS!
Die meisten Ärzte in der Schweiz folgen einer selbst erstellten Regel, die den Patienten zur unmündigen Sache diskriminiert, ihn schutzlos ausliefert und abhängig macht vom Ermessen des jeweiligen behandelnden Halbgottes in Weiss.
Diese Regel sagt, dass ein Patient mindestens dreimal eindeutige Anzeichen von MS haben müsse, bis versucht wird, eine Diagnose zu stellen. So lange sind MS-Patienten einfach immer und immer wieder nur die dummen, wertvolle Zeit raubenden Simulanten.
Mir sind auch schon Fälle begegnet, bei denen offensichtlich oberflächlich behandelt wurde, damit der Pateint weiterging und der Arzt das Problem vom Tisch hatte. Verallgemeinerungen sind nie fair, das ist schon klar, und ich will auch nicht einen Schuldigen suchen, denn es gibt keinen. Dennoch ist MS mittlerweile ein riesiges Problem.
Die Dunkelziffer liegt bei über 500.000 betroffenen Menschen in der Schweiz.
Gott hatte ich nach der Diagnose etwas aus meinem Leben verbannt; zu viele Gebetsanliegen waren offen geblieben und ich verstand die Welt und den Glauben nicht mehr. Zu Jesus hingegen fasste ich zunächst nur ganz wenig, dann zuversichtlicher, wieder etwas Vertrauen. Die Möglichkeit, dass ich bald hätte sterben können, war sicher auch ein Motor, um diese Reise in Angriff zu nehmen.
Maui, Ka’anapali Beach Hotel
Dienstag, 1. Mai 2012, 6.20 a.m.
Ich sass im Garten unseres Hotels, umgeben von tropischen Pflanzen, die bei uns im Topf gediehen, hier aber schon auch 5 Meter im Durchmesser haben konnten. Die Luft war durchdrungen vom Duft einer Blüte, die auch für Leis (Blumengirlanden, die auch aus anderen Materialien der Insel sein konnten) verwendet wird. Süss und betörend war dieser Duft und entführte die Gedanken fortwährend zu den schönsten Dingen des Lebens. Die Vögel gurrten, zwitscherten oder tirilierten und ein Angestellter begoss alles mit Wasser. Es gab in diesem Moment keinen Wind und die Brandung war auch nicht zu hören. Mir kam das paradiesisch vor.
Es war Waschtag und Peter fand sich mit den fremden Waschautomaten grandios zurecht. Nur zum Geldwechseln wurde ich kurz gebraucht. Im Waschsalon fand sich Werbung für diverse Restaurants, unter anderem für ein Swiss Internetcafé.
Da sich das Wetter am Nachmittag besserte, holte ich den Fullsize Chevrolet aus der Garage und wir steuerten die berühmte Surfbucht an. Ich genoss das entspannte Fahren und bog irgendwann vom Highway ab, um näher ans Meer zu kommen. Leider gab es heute keine grossen Wellen, trotzdem war die Gegend traumhaft schön.
Ein langer Sandstrand mit schön geschwungener Uferlinie lag da wie aus dem Bilderbuch, natürlich und unbebaut. Die Sonne glänzte auf dem Wasser und vorbeiziehende Wolken entfachten ein Beleuchtungsspektakel. Mal schien das Wasser dunkel und jedes Detail zeichnete sich, wie mit einem feinen Bleistiftstrich umrahmt, ganz klar ab, mal leuchtete alles hell und die Konturen verschwammen im Licht.
Bilder so schön
wie aus einer anderen Zeit.
Die Musik von hier war wie ein Nachempfinden der schönen Umgebung und versetzte mich immer wieder hierher, sooft ich es zuliess. Natürlich hatte ich eine CD gekauft und mitgenommen.
Leider gab es in der Strasse plötzlich ein grosses Schlagloch, das ich vor lauter Staunen übersehen hatte. Fortan fürchtete ich mich vor einem platten Reifen und – schon wieder – vor der Rückgabe des Autos. Meine Hoffnung, näher an dem wunderschönen Strand entlang fahren zu können, erfüllte sich nicht. Die Strasse schlängelte sich durch exquisite Golfplätze, Hotelanlagen und Bungalows der Upperclass.
Bald verlor ich die Orientierung und, wie sollte es anders sein, das Navigationssystem funktionierte auch nicht. Beim nächsten Mal, grosses Ehrenwort, nehmen wir unser eigenes Navigationssystem mit.
Nun, die Insel ist ja nicht allzu riesig und wenig später fanden wir wenigstens das Swiss Internet-Café, wo ein Versöhnungs-Käffeli mit der ersten Glace der Saison meine Welt wieder in Ordnung brachte. Mehr als dreissig E-Mails hatten sich angesammelt, doch kaum jemand schien sich zu fragen, ob wir noch lebten. Schnell sandte ich eine deutliche Mail an das Hotel in San Francisco wegen den Ravioli und zum Thema „The same is not everytime the same!“.
In der Nähe des Cafés fanden wir eine Kleiderboutique mit einigermassen typischen Mum-Mum`s. Das sind hawaiianische Damenkleidern mit Blumenmuster und Echtholzknöpfen, in meiner Grösse und dazu passende Taschen. Jetzt war ich richtig glücklich. Ich kaufte mir zwei Sommerkleider mit super Schnitten und Peter war sehr froh, dass wir nach dem Debakel im Jeansladen in San Francisco doch noch etwas zum Anziehen für mich gefunden hatten.
Maui, Ka’anapali Beach Hotel
Mittwoch, 2. Mai 2012
Es war so weit: ich hatte die Zeitrechnung verloren, nachdem ich in der Nacht zwölf Stunden geschlafen hatte. Gestern war ein windiger und regnerischer Tag und so konnte ich ausruhen. Aber irgendetwas ging dabei schief, denn ich wurde immer müder.
Die Kaffeemaschine im Zimmer war eher zum Anschauen gedacht, denn für einen Kaffee brauchte sie mindestens 15 Minuten und für einen Tee ungefähr eine halbe Stunde. Aber es war schon genial, dass es in den USA in jedem Hotelzimmer eine Kaffeemaschine mit allem Drum und Dran gab. So kam es, dass wir am Morgen schon Kaffee trinken konnten, bevor wir zum Frühstück gingen, sozusagen zwischen Duschen und Ankleiden – wie in gewissen Filmen. Pech ist dann nur, wenn die Zeit dann nicht mehr für’s Frühstück reicht!
An diesem Morgen nahmen wir einen neuen Anlauf, um zu einem gemütlichen Frühstück zu kommen. Ich hatte aber auch einen Bärenhunger. Freundlich wurden wir beim Frühstücksraum empfangen und gefragt, welcher Art unser „Breakfast“ denn sein solle. Eine lange Aufzählung an Möglichkeiten raubte mir meine morgendliche Gesprächsbereitschaft, und so fragte ich bissig: „Wir wollen frühstücken, wo ist das Problem?“. Verständnislos aber freundlich wurden wir zu einem Tisch begleitet und begannen uns durch das reichhaltige Buffet hindurch zu schlemmen. Nur das kleine Problem des heissen Wassers für meinen Ingwertee gab noch zu Diskussionen Anlass. Am Schluss hatten wir alles in doppelter Ausführung auf dem Tisch: zweimal Eiswasser, zweimal warmes Wasser und (endlich) Teewasser im Keramikkrug. Dabei hatten alle Nebentische so schöne kleine Thermoskannen. Okay, mich ärgerte an diesem Tag eben einfach alles, selbst die zwölf Spatzen, die sich frech auf die halbleer gegessenen Teller der Nachbarstische stürzten.
Auf Maui ist es wie im Paradies. Praktisch alles gedeiht auf diesem Fleckchen Erde: Kaffee und Salz, viele Gemüsesorten und auch Tabak. Die meisten Pflanzen sind immergrün und es gibt stets genug Wasser, weil sich immer wieder Wolken bilden, die an den Wänden der erloschenen Vulkankrater hängen bleiben, wodurch es jeden Tag regnet.
Die Landschaft ist gebirgig, doch es gibt auch bemerkenswert schöne Ebenen. Ob bewaldet, ob karg oder bebaut, alles ist in schönster Harmonie. Doch wie leben die Menschen hier, sind sie alle glücklich bis zum Umfallen? Wir sprachen mit einer Geschäftsfrau aus Slowenien, die hier seit vielen Jahren Textilien verkauft. Sie sagte, je älter sie werde, desto mehr möchte sie wieder zurückkehren.
Eine junge Philippinin erzählte uns, dass sie einen Teil ihrer Familie hier habe und den andern Teil sehr vermisse. Interessanterweise sagte auch der Automechaniker im Yosemite National Park, dass er „Good Old Europe“ vermisse, welches er als Soldat der Army vor fünfzig Jahren kennengelernt hatte. Die Träume und Sehnsüchte der Menschen hängen wohl nicht von der perfekten Umgebung ab.
Es ist mir noch in Erinnerung, wie uns im Reisebüro bei der Planung unser Hotel als das authentischste der Insel beschrieben wurde. Auch gebe es hier noch diverse ursprüngliche Aktivitäten. Das stimmte sicher; doch bin ich der Meinung, dass der Zauberer etwas Animistisches hatte, das ich so nie mehr anzutreffen wünsche.
Der internationale, gute Ruf des Hotels wurde sogar in den Hotelunterlagen erwähnt. Man vermarktete seine Fähigkeiten ohne ethischen Rückhalt. Ich fragte mich, warum das so ist. Die Bemühungen um den leider alternden Hotelkasten könnten bestimmt auch anderswo ansetzen, denn in den Internetforen kommt das Hotel in puncto Modernität und Sauberkeit nicht gut weg, was wir leider bestätigen mussten.
Doch die Faszination der tropisch schönen Umgebung, die Freundlichkeit der Menschen und ganz einfach der Liebreiz des Seins hier machten doch alles Gewöhnliche zur Nebensache! Als ehemalige Hausdame hatte ich immer einen Reiseputzlappen und eine Miniaturflasche meines antibakteriellen Putzmittels dabei. Aber hier wollte ich ganz sicher nicht putzen, das konnte ich zu Hause bis zum Abwinken; ich genoss die ausserordentliche Schönheit der Insel und die perfekte Stimmung bis zum Morgengrauen und dann begann es erneut. Wenn ich nicht gerade schlafen oder mich vom Geniessen erholen musste.
Info
MS kann plötzlich Müdigkeit aufkommen lassen. Es ist gut, wenn man sich sofort hinlegen und einige Zeit ausruhen kann.
Diese sogenannte „Fatigue“ hat absolut nichts mit Faulheit zu tun und gehört zum Krankheitsbild. Ich halte deshalb gerne einen Mittagsschlaf, der bei hoher Beanspruchung auch mal eineinhalb Stunden lang werden kann. Termine lege ich auf die Zeit nach 16:00 Uhr, dann bin ich wieder munter.
So sass ich schreibend und vor mich hin philosophierend in diesem herrlichen Hotelgarten bei einem feinen Drink. Am Abend wollten wir mit dem Schiff auf eine Dinnerfahrt gehen, die in den Sonnenuntergang hinein ging und bei der wir vielleicht noch Wale beobachten konnten.
Ja, ja, es wurde erwähnt bei dem ominösen Infofrühstück, dass man nicht auf eine überteuerte Dinnerfahrt gehen solle. Doch es wurde einem keine Alternative vorgeschlagen und ganz ehrlich, was kann es Romantischeres geben, als bei einem feinen Essen und einem schönen Glas Wein die Insel hinter sich zu lassen und in die sinkende Abendsonne hinein zu fahren? Dabei schaut man sich tief in die Augen und eine kleine Berührung der Hände könnte Gedanken für Aktivitäten nach dem Sonnenuntergang wecken.
Die Vorfreude ist dabei wohl leider mit mir durchgegangen, denn die Realität war weitaus weniger verträumt. Bevor man das schöne Schiff betreten konnte, wurde gefragt, ob man Alkohol trinken möchte, was eigentlich keine Frage war, weil er ohnehin schon bezahlt war. Dann erhielten wir Armbändchen, die uns als Weintrinker erkennbar machten. Auf dem Deck wurden wir an einen Vierertisch gewiesen, wo schon ein amerikanisches Ehepaar sass. Ich freute mich auf diese Bekanntschaft und bald erzählten sie, dass sie ihren Hochzeitstag hier feierten. Er sagte, dass sie aus Tennessee kämen und fragte, ob ich etwas kennte, das von dort käme. Nach langem Nachdenken sagte ich: „Whiskey, vielleicht?“ Beide bejahten lebhaft, sie hätte einen Schwager, der das mache. „Aber Doris, kennst Du keine Countrymusik, Doris?“ „Öhm, ja doch, natürlich und morgen wäre mir das bestimmt auch in den Sinn gekommen.“
Dummerweise waren die Plastikstühle fest mit dem Deck verschraubt und so eng gestellt, dass ich mich nur einmal hinsetzen und danach nicht mehr rühren konnte, bis wir am Schluss aussteigen mussten. Peter auch. Das war sehr ärgerlich, denn den Wein musste man sich irgendwo im Schiffsinnern selber holen. Das Essen kam auf Plastikeinwegtellern mit ebensolchem Besteck und war kalt. Der Cheese Cake hatte einen grünen Rand vom alten Fett, doch unsere Tischgenossen beteuerten, dass dies der beste sei, den sie kennen.
Die Wale hatten sich auch nicht blicken lassen, ihre Zeit in dieser Gegend war schon vorbei. Wirklich romantisch waren somit einzig und allein wie immer die Augen meines Mannes. Und vielleicht noch der Gedanke an die unschuldige Vorfreude, der uns etwas von dem Enthusiasmus zurückbrachte, den dieser Ausflug eigentlich hätte bereiten sollen.
Am nächsten Nachmittag holten wir die Walbesichtigung nach. Eine Walmama mit Baby und einem halbwüchsigen Walkind konnten wir noch beobachten. Leider reichte die Darbietung nicht für spektakuläre Fotos.
Unser Aufenthalt neigte sich dem Ende entgegen. Unzählige unvergessliche Bilder durften wir mitnehmen. Auf der wunderschönen Küstenstrasse fuhren wir zum Flughafen zurück und sagten: „Aloha und auf Wiedersehen!“. Dann ging es weiter nach New York mit Zwischenstopp in San Francisco.
New York
Sonntag, 6. Mai 2012, 15:30 Uhr
Kurz gesagt: die Stadt gefiel mir nicht. Es gab zu viele Häuser und zu wenig Grün, zu viele Menschen und zu viel Verkehr und somit letztendlich einfach zu wenig Lebensqualität. Ich wollte möglichst schnell nach Hause.
Peter hingegen war begeistert! Bewaffnet mit dem Stadtplan erkundete er die umliegenden Strassen und genoss das überaus lebendige Treiben sichtlich. Er begegnete einem Smokerwettbewerb (Räucherwettbewerb) und war fasziniert von dieser Art zu kochen. Manchmal smokt (räuchert) er seither auch zu Hause im Garten.
Wir haben trotz allem ein paar Dinge gemeinsam unternommen. So waren wir zusammen in der U-Bahn, nachdem Peter es endlich durch das Drehkreuz geschafft hatte. Ganz plötzlich und völlig überraschend tauchten seine Ängste vor U-Bahnen und Drehkreuzen auf.
Auch dem Central Park statteten wir einen Besuch ab und wir fanden auch Macy’s, das grössten Kaufhaus der Welt. Ich sah dort das schönste Geschirr, das man sich denken konnte, doch leider wollten sie nichts nach Europa verschicken. Vielleicht muss ich nur deswegen nochmals nach New York fliegen.
Wir wohnten im Plaza Hotel, mitten im grössten Trubel in der Nähe des Time Square, doch ich war sehr müde. So gingen wir abends nicht mehr aus, was sehr bedauerlich war. Gerne hätte ich einen Gottesdienst mit Gospelgesang besucht, doch an der Rezeption wollte man mir nicht sagen, wo und wann so etwas stattfinden würde. Im Gegenteil, ich erntete nur abschätzige Blicke. Auch hatte man immer vermeintlich bessere Vorschläge, wo wir essen gehen sollten, und so merkte ich, dass man uns dort für sehr „billige“ Gäste hielt. Hier herrschten ganz andere Massstäbe als dort, wo wir vorher waren.
New York
Am zweitletzten Morgen
Nachdem wir in einem Café gefrühstückt hatten, wollte ich meine Reiseerinnerungen gemütlich bei einer Tasse Kaffee nachführen und Peter wollte zum letzten Mal die Stadt erkunden. Kaum war er gegangen, begann eine kleine, dunkelhaarige Frau mit mir zu plaudern. Sie musste beobachtet haben, dass ich zum Frühstück meine vielen Kapseln schluckte, und erkundigte sich, ob ich Krebs hätte. So kamen wir ins Gespräch. Ich war sehr überrascht, dass mich hier jemand ansprach, mochte ihr aber trotzdem nicht erklären, was mit mir los war, und kurz darauf ging sie weg.
Nun wollte ich mit dem Schreiben vorwärts kommen, doch schon bald kam eine andere Frau mit einer vollen Einkaufstasche an meinen Tisch. Sie sagte, dass sie soeben aus ihrer Kirche vom Beten komme, was sie jeden Morgen tue. Aus dem fahrenden Bus hinaus habe sie mich gesehen und sie müsse mir unbedingt einige Dinge sagen.
Sie käme mit dem Auftrag,
mit mir zu reden!
Ich war sehr überrascht, sogar ein wenig vor den Kopf gestossen, nein, ich war regelrecht perplex. Sie fuhr weiter, dass sie eine anerkannte Schamanin, Numerologin und Astrologin sei und India heisse. Ich wich etwas zurück, das war doch… uhh, bitte nicht schon wieder… Ich hätte niemals so jemanden aufgesucht, weil dies in meinen Augen eben zu nahe an das ausdrückliche Zaubereiverbot in der Bibel kam. Innerlich hatte ich schreckliche Angst und wollte so schnell als möglich zu Peter. Doch der war längst in den Strassen verschwunden.
India sagte derweil eindringlich zu mir, dass ich weiterleben solle. Was ging das diese amerikanische Person an? Alles in mir war in Aufruhr. Als sie meine Zurückhaltung spürte, insistierte sie, ich solle ihr dreimal sagen, dass ich weiterleben wolle. Damit hatte sie mich erwischt. Es stimmte, dass mir in jenen Momenten des Schreibens und Reflektierens bewusst wurde, dass sich mein grosser, mehr als dreissig Jahre alter Wunsch nun erfüllt hatte – ich hatte Amerika besucht, was sollte jetzt noch Gutes geschehen, krank und voller Schmerzen wie ich war?
Eigentlich hatte ich mit dem Leben bereits abgeschlossen.
Die Frau hörte nicht auf, mir zu sagen, dass ich heute fröhlich sein solle, dass ich lächeln sollte und glücklich sein müsste: „Ich sei geheilt!“ Dabei spürte ich meine Schmerzen wie immer. Sie redete auf mich ein und nannte ein Datum: „Die Person, die mit diesem Datum zusammenhinge, würde mir ein Lebenszeichen geben, sie selbst habe auch ein Baby und ich sollte weiterleben, auch ein wenig wegen dieser Person. Was denn dieses Datum für mich bedeute?“
Es war das Geburtsdatum meiner ersten Tochter, die ich wegen äusserst widrigen Umständen weggeben musste, damals, vor dreissig Jahren. Der Verlust hatte mich mit zunehmendem Alter mehr und mehr belastet. Es war ein Loch in meiner Biographie und in meinem Bauch – ein Loch, das zunehmend schmerzte. Die Fragen, ob meine Tochter noch lebte und ob sie im Leben bestehen konnte, begleiteten mich immer.
Ich erzählte India davon. Sie konnte gut zuhören, hatte selber Kinder und sagte mir noch vieles. So vieles. Als ich ihr eröffnete, dass ich MS hatte, sah ich einen Moment das nackte Grauen in ihren Augen; offensichtlich wollte sie nicht richtig gehört haben und sprach immer wieder von meinem „Krebs“. Ich beliess es einfach dabei, denn wollte ihr nicht wehtun. Wir verliessen das Café über eine Stunde später, und ich verabschiedete mich von India wie von einer Freundin. Sie bat mich für sie im Gebet einzustehen, was ich gerne tat.
Rückreise
Der Tag danach war endlich der langersehnte Rückreisetag. Ich freute mich riesig auf allen Komfort zu Hause, auf die Menschen in meiner Umgebung und auf mein eigenes Bett! Das letzte Check-in und der Heimflug verliefen problemlos.
In der Schweiz verlief zunächst alles wie gehabt. Aber am 26. Dezember desselben Jahres hielt ich dann plötzlich einen Brief meiner ersten Tochter in den Händen. Mir schwanden beinahe die Sinne. Dies war das grösste und schönste Weihnachtsgeschenk, das ich mir vorstellen konnte. Sie schrieb, dass es ihr gut ergangen sei und dass sie ihre Eltern über alles liebe.
Für mich machte das Leben plötzlich wieder Sinn, weil ich Jesus damals gesagt hatte: „Ich gebe mein erstes Kind ganz in Deine Hand, weil es keine andere Möglichkeit gibt. Ich tue es im Glauben, dass Du es gut machst. Aber irgendwann möchte ich sie an mich drücken können und sie kennenlernen.“ Und mit dem Brief begann ein feiner Kontakt zwischen meiner Tochter und mir.
Diese Reise hatte mir somit deutlich gemacht, dass Gott wirklich jeden Menschen gebrauchen konnte, um uns etwas Gutes zu tun. Ich war an meine inneren Grenzen gestossen, die ich unbarmherzig gegenüber Menschen mit der „Zauberei“ verbundenen Begabungen aufrechterhalten hatte. In Zukunft wollte ich feinfühliger reagieren, wenn etwas zur Sprache kommen sollte, das ich zuvor abzulehnen pflegte.
Außerdem hatte sich eine ungeahnte Möglichkeit für mich aufgetan, denn es gab nun endlich die Gelegenheit, um die jahrzehntelang aufgestaute Sehnsucht nach meiner ersten Tochter und das Bedürfnis, Kontakt mit ihr zu haben, um alles zu erklären und sie zu segnen, auszuleben.
Ich darf ganz ehrlich sagen: „Erst nachdem ich wusste, dass es dem inzwischen erwachsenen Kind gut geht, konnte ich so etwas wie Selbstbewusstsein entwickeln!“