Inhalt
Dieser Reisebericht hat zwei reale Stationen:
Den Töpferkurs in idealem Ambiente und den Aufenthalt in der billigen Ferienwohnung. Die beiden Protagoniosten stecken in Beziehungsschwierigkeiten die explodieren, doch ein unerwartetes «Geschenk» rechtfertigt alle Strapazen.



Diesem ausserordentlich langen und kalten Winter 2012/13 haben wir, mein Mann Peter und ich, nur eines entgegenzusetzen: ein neues Reiseziel muss herausgespürt werden. Ja, denn die Midlife-Krise hat sich deutlich bemerkbar gemacht: wir können nicht mehr miteinander reden, ohne aus der Haut zu fahren. Die meisten Äusserungen werden als Angriff gewertet, und so hat man sich halt nichts mehr zu sagen! Die Kommunikation scheint auf einem anderen Planeten zu Hause zu sein.
Deshalb sind die Kriterien für einen gemeinsamen Urlaub dieses Jahr besonders schwer zu finden. Oder ist der Moment gekommen, wo wir uns getrennt erholen sollten? Aber das ist auch eine Kostenfrage oder eines von uns verzichtet darauf, wegzugehen. Aber eigentlich wollen wir nicht ohne den anderen verreisen, sei es aus Gewohnheit, sei es in der Hoffnung, dass es vielleicht doch noch eine Chance gibt, um sich nochmals neu ineinander zu verlieben.
Doch warum soll ausgerechnet ich als MS Patientin noch reisen? Möglicherweise liegt es mir in den Genen − und die scheinen noch nicht von dieser Krankheit betroffen zu sein. Meine beiden Grossväter waren nach ihren Möglichkeiten gerne gereist. Meine Eltern begannen zu reisen, sobald ihre Erstgeborene das Haus verlassen hatte. Zunächst ging es nach Amerika zu Verwandten. Dann wurde es immer abenteuerlicher. Mit Genuss erzählt Mutter, wie sie und der Vater in Peking ohne ihre Gruppe unterwegs waren und etwas essen wollten. Bis heute wissen sie aber nicht, was der Vater (der leider nicht sehr sprachbegabt ist) unter Zuhilfenahme von Händen und Füssen bestellt hatte.
Zwei Reisen unternahmen wir als Familie: die erste ging 1981 mit dem Rheinschiff nach Amsterdam. Es war keine sehr gesegnete Unternehmung: wegen Hochwassers mussten wir ab Karlsruhe mit dem Zug weiter reisen und nach zwei Wochen Regen in Amsterdam zeigte sich die Sonne während rund zwanzig Minuten, als wir ins Flugzeug stiegen. Immerhin war das mein erster Flug, er führte uns nach Basel zurück. Mir wurde dabei übel. In dieser Situation erlebte ich meinen Vater von seiner grossartigsten Seite: er reichte mir einen Flachmann mit Whisky mit den Worten: „Da trink, das hilft dir!“ Das war eine Wohltat. Es half so gut, dass ich keine Erinnerung mehr an den ersten Flug meines Lebens habe und ich mich auch nicht daran erinnere, wie wir vom Flughafen nach Hause kamen!
Die zweite Familienreise ging 1982 nach Moskau (als der eiserne Vorhang noch geschlossen war). Es war im November und diese Stadt mit ihren Abgasen und Freiheitseingrenzungen bewog mich wahrlich nicht zu einem überzeugten Kommunistendasein.
An erster Stelle steht:
die Abwechslung.
Heute bedeutet Reisen für mich, im Rahmen des Möglichen das zu tun, was mir gut tut und Freude bereitet. Die Vorbereitungen geben meinem Alltag einen Inhalt mit einem lohnenden Ziel, das ist natürlich sehr ermutigend. Wichtig bei einer längeren Reise ist immer die Möglichkeit zur Einhaltung der Diät, die zu der Hebener Therapie gehört, damit ich wenig Drehschwindel habe und einigermassen sicher auf den Beinen bin. Es ist klar, dass ich im Vorfeld und auch nach einer Reise mich genau an diese Ernährungsweise halte. (Die Hoffnung, dass ich dadurch auch das leidige Übergewicht verliere, stirbt vermutlich zuletzt.)
Reisen ist immer wieder auch ein Ausloten der eigenen Grenzen.
So schön es auch zu Hause eingerichtet sein mag, mit Closomat und Chaiselongue zum Ausruhen, wenn ich darin stehen bleibe, entwickeln sich meine Kräfte und die kognitiven Fähigkeiten zurück, bis sie versiegen. Wie oft bin ich unterwegs schon in unausweichliche Situationen geraten und habe durchgehalten, z.B. beim Schlange stehen vor Schaltern oder Toiletten. Von aussen sieht das dann besonders traurig aus: ich liege mit dem Oberkörper auf dem gefüllten Gepäckkarren, weil mir das eine gewisse Entspannung bringt und Mitreisende halten kaum mit Kommentaren zurück. In solchen Momenten wäre ich froh, nur romanisch zu verstehen (Schweizerische Berglersprache lateinischen Ursprunges). Oder wir müssen sitzend irgendwo warten. Um „anständig“ zu sitzen sollte eine Frau die Beine etwas zusammenhalten. Für mich braucht das aber eine enorme Kraftaufwendung, die ich oft nicht erbringen kann. Das ist schlicht unmöglich zu verstehen, wenn man es nicht selber schon erlebt hat. Ich ernte dann erstaunte, lächelnde und obszöne Blicke. Kaum zu reden von den Schwierigkeiten wenn ich einen Rock tragen möchte. Dies ist eine sehr persönliche Erfahrung, aber die Neigung der MS Patienten, sich zurückzuziehen, gehört leider zum Krankheitsbild.
Nicht zuletzt sind die Reisen auch ein Dankeschön an das Leben, das mir mit der „mobilen“ MS Therapie nach Dr. Hebener
ermöglicht wurde.
Ganz sicher nehme ich nicht alle fremden Gerüche wahr und kann auch nicht viele Sehenswürdigkeiten besuchen und beschreiben, weil ich viel ruhen muss; aber das, was ich erlebe ist für mich einzigartig. Die übliche MS Therapie in der Schweiz kettet einen nämlich ans Zuhause, weil das Medikament Interferon eine konstant niedrige Temperatur haben muss. Das wurde mir schon vor der Diagnose bewusst und deswegen habe ich nie mit der Interferoneinnahme begonnen. Ich wollte noch einiges Sehen von der Welt; war mir einfach zu jung, um mit 49 Jahren praktisch nur noch in den eigenen vier Wänden zu bleiben.
Doch nun zurück zu den aktuellen Reisevorbereitungen. Nach einigem Fragen, Erraten und „auf den Bauch hören“, haben sich die wichtigsten Kriterien heraus kristallisiert: Keine langen Flugreisen mehr(!), viel Sonne und Wärme und vernünftige Kosten.
Dann half mir der Mutterinstinkt auf die richtige Spur: unsere Kinder sind schon nach Mallorca gegangen und haben danach erstaunlich wenig darüber erzählt. Was haben sie denn dort angetroffen, das partout nicht erzählt werden darf? Ich will auch einmal nach Mallorca, so teuer kann das doch nicht sein, es gibt auch immer wieder Schnäppchenangebote dorthin. Zwar spricht eine nahe Verwandte immer sehr abfällig von der „Putzfraueninsel“, doch in einer meiner Lieblings-TV Sendungen: „mieten, kaufen, wohnen“, werden manchmal auch Häuser und Wohnungen von dort vorgestellt: es muss sehr schön sein, darin waren Peter und ich uns einig.
Wie Mallorca zur Putzfraueninsel wurde.
In den frühen 60er Jahren beschliessen Tourismusexperten der Lufthansa, einen Ort zu suchen, der gut angeflogen werden kann und touristisches Potenzial hat. Das Ziel: eine Destination zu schaffen, die möglichst vielen Kunden, möglichst nahe, einen schönen Urlaub bieten kann. So wurde ein Trend geboren. Bald gab es Frauen, die bei anderen Leuten putzen gingen, damit sie sich den Urlaub auf diesem gesegneten Fleckchen Erde leisten konnten, und erst noch geflogen sind. Wie weit der Neid mithalf, diesen Namen zu finden, sei dahingestellt.
In seiner warmen und fürsorglichen Art hat mir auch mein Masseur von seinen Erfahrungen dort berichtet: „Sie brauchen kein Spanisch zu können, man findet dort alles, was nötig ist. Die Einkaufsgelegenheiten in den Supermärkten haben Angebote wie bei uns, ja vielleicht noch schöner als hier, und die Öffnungszeiten sind völlig unkompliziert. Überhaupt sind die Spanier freundliche Menschen. Ich empfehle Ihnen, einfach einen Wagen zu mieten, um damit von einer Küste an die andere zu fahren und überall dort, wo es Ihnen gefällt, zu übernachten, um dann am nächsten Tag weitere Sehenswürdigkeit anzusteuern. In Ihrer Reisezeit gibt es genügend freie Betten. — Hauptsache Sie bewegen sich!“
Hier stosse ich nun an meine Grenze, denn ich kann mich nicht drei Wochen lang bekochen lassen von verschiedenen Leuten − meine Diät − Sie wissen schon. Auch gehört eine grosse Abenteuerlust zu so einem Unternehmen, das etwas riskant ist. Immerhin muss ich zwischendurch auch tüchtig ausruhen und das kann ich nicht nach Ein- oder Auscheckzeiten richten. Deshalb sind wir sicher in einer Ferienwohnung am besten aufgehoben.
Wie immer genoss ich die Vorbereitungen und versuchte möglichst viele Elemente einzubauen, die wir als gut und schön kennen. Ich suchte nach Vegi-Restaurants, kaufte zwei Reiseführer und einen schönen Bildband für in die Clobibliothek (kleine Büchersammlung für gemütliche Sitzungen). Ich erkundigte mich nach einheimischem Wein und Festen die wir besuchen könnten. Die Feriendauer von drei Wochen bietet den grössten Erholungswert und unstrapaziöse Wandertipps wurden gesammelt. Kurz, alles was ich zum Thema Mallorca fand wurde angesehen.
Eine TV Doku berichtete von 21 Mio. Besuchern jährlich und wie ein Ökosystem so etwas ertragen kann − oder eben nicht. Besonders eine undurchsichtige Vergabe von Baubewilligungen, die dann eine hässliche Bauruine in einem Naturreservat hinterlassen hat, ist mir aufgefallen. Auch das Recyceln scheint noch in den Anfängen zu stecken. Eigentlich kreierte der Bericht mehr neue und offene Fragen, als er beantwortete. Aber warum gehen denn so viele Menschen dorthin? Manche sogar regelmässig und über viele Jahre hinweg.
Ich lasse mich von diesen Fragen nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass auch wir noch ungelöste Probleme vor uns hinschieben: wie erträgt unsere Beziehung drei Wochen intensive Nähe? Erholsam sollten die Ferien doch auch noch sein. Auf jeden Fall scheint es mir nicht ratsam, drei Wochen auf uns allein gestellt zu bleiben.
In meiner bevorzugten Zeitschrift „Emotion“ fand ich den Hinweis auf einen einwöchigen Töpferkurs mit Unterkunft bei einer Künstlerin in diesem Ferienparadies. Immerhin beansprucht Mallorca, ein Ursprungsland des Töpferns zu sein und so fand ich es reizvoll, diesem Hobby näher zu kommen.
Vorsichtig fragte ich an, ob wir kommen dürfen und ob es ein Problem sei, wenn ich Diät halten müsse? Mit grossem Wohlwollen wurde meinen Fragen begegnet. Ein fröhliches Mailen stellte sich ein, und das half mir über die Kälte hier viel besser hinwegzukommen, weil ich in Gedanken immer wieder auf der schönen Mittelmeer Perle weilte und den aktuellen Wetterbericht erhielt. Peter hat schon vor der Ehe getöpfert, und nun hoffe ich, ihn so wieder auf gute und schöne Gedanken zu bringen. In letzter Zeit ist er hypochondrisch geworden und sieht überall nur Untergang und Zerstörung, kann kaum mehr Freude zeigen.
Zu meiner eigenen Vorbereitung nahm ich im Wintersemester an einem Skulpturenkurs der Volkshochschule Fribourg teil. Dort lernte ich unter fachkundiger Leitung Figuren aus Ton zu formen. Der Ton kühlt meine Hände und das ist wichtig, so kann die Kühle sich im Körper ausbreiten und weitere Entzündungen verhindern helfen. Das Gestalten macht mir immer mehr Freude und mein letztes Werkstück, meine eigene linke Hand aus ockerfarbigem Ton, hat mir richtig gut gefallen. Die grosse Herausforderung bestand für mich darin, im Winter, bei Schnee und Eisesglätte regelmässig ins Kurslokal nach Fribourg zu fahren. Das kostete mich viel Überwindung, denn normalerweise bleibe ich im Winter meist drinnen.
Auch das „dazu gehören“ in einer Gruppe von Nichtbenachteiligten machte mir innerlich zu schaffen. Wenn ich die Frauen um mich herum arbeiten sehe, wie sie sich ohne Einschränkung bewegen können und manche erzählen von ihren Arbeitsstellen, dann bin ich schon sehr traurig, dass es mich mit dieser Krankheit getroffen hat. Bald wurde es offensichtlich, dass zwei Stunden stehen am erhöhten Töpfertisch fast unmöglich waren für mich. Im Sitzen zu arbeiten war nicht üblich und so griff ich ausnahmsweise zu Schmerzmitteln. Dies ist ein Tick von mir, möglichst wenig Pharmaka zu verwenden, und nicht in jedem Fall wirklich nachahmenswert.



Inzwischen fand sich eine sehr günstige Ferienwohnung in einer weit verbreiteten Familienzeitschrift. Die Unterlagen waren nicht präzise und lückenhaft, man musste sich die entsprechenden Fotos der gewünschten Wohnung selber zusammensuchen aus einem Katalog von Bildern und obwohl ich auf einen Pool wert gelegt habe, war dann für uns auch die Badebucht in einiger Entfernung gut genug. Der Kontakt klappte gut und war freundlich. Da wir in diesem Jahr den Kochherd, den Eisschrank und den Ofen zu Hause ersetzen mussten, war ich letztendlich froh, so billig als möglich davon zu kommen. Das Auto mietete ich per Mail, und so fügte sich ein Steinchen nach dem anderen in dieses neue, farbige Reise-Mosaik.
Fröhlich hielt ich mein erstes Flugticket aus dem eigenen Drucker in den Händen. Bis dahin waren wir meist von einem Reisebüro bedient worden oder wir kauften fixfertige Angebote. Diesmal hatte ich alles selber organisiert. Wir werden ab Bern fliegen, dem Flughafen direkt um die Ecke. Eine Nachbarin fand das so genial, dass sie spontan angeboten hat, uns mit dem Auto dorthin zu bringen. Voller Freude warteten wir nun gespannt auf den Tag des Abfluges.
Draussen war es immer noch so kalt, dass wir im Juni heizen mussten und fast depressiv wurden weil die Sonne nicht schien. In den vergangenen Monaten passierte vieles, ach so vieles. Ich sah meine älteste Tochter zum ersten Mal (siehe meinen Reisebericht Amerika)! Ich schrieb Briefe um zu erfahren, wer mich wohl verflucht haben könnte, denn dies hat die Numerologin, Astrologin und Schamanin in New York auch gesagt. Eine eindeutige Reaktion auf diesen Brief gab mir die Gewissheit, dass die gesuchte Person gefunden war. Das ist auch nicht gerade leicht zu tragen. Zuletzt habe ich ihr vergeben können und diese Person ist jetzt gestorben. Aber diese Höhen und Tiefen meines Lebens drängten mich förmlich dazu, im Glauben ganz konkret eine Änderung vor zu nehmen: ich begann in die Christkatholische Kirche zu gehen, ohne Vorbehalte oder Reue; es war einfach der richtige Moment. Das bedeutete immerhin eine 180° Wende, weil ich eigentlich in den Freikirchen der anderen Landeskirche Erfahrungen gesammelt hatte. Schon bevor ich damals konfirmiert wurde, war ich aufmerksam auf diese Kirche geworden und als ich jetzt so schwer beladen und krank anklopfte, wurde ich liebevoll angenommen.
Mit E., einer betagten Bekannten, die mir nahe am Herzen steht hatte ich Krieg und Frieden, bis sie mir sagte, dass sie es bereue, mich kennengelernt zu haben. Welch ein Schmerz! Es tut so weh, sie war doch so etwas wie ein Grossmutterersatz für mich und unsere Kontakte haben oft meinem Herzen gut getan. Meine zweite Tochter braucht gerade eine unbefristete Auszeit von mir, die Lehrabschlussprüfungen des Sohnes, mein Auto, das nur unzuverlässig funktioniert und bei jeder Reparatur ein kleines Vermögen kostet, die Erfahrungen mit jemandem in der Nachbarschaft, der mich Verbal fertig macht …………. alles das zeigt, dass ich mitten im Leben stehe. Dabei will ich dies gar nicht, denn es ist eigentlich zu anstrengend für mich. Kaum jemand fragt: wie hältst du das alles aus, wo kann ich dir helfen? Neben der Seelsorgerin ist Peter noch da, seit vielen Jahren schon. Ohne grosse Meinungsäusserung hört er mir zu, ist bei mir − einfach nur so. Er findet, dass ich noch selbständig sei. Etwas anderes hört man kaum von ihm. Also wirklich, ich finde, dass ich Ferien verdient habe.
Endlich kam der Tag der Abreise.
Alles verlief reibungslos, die Tickets waren gültig, der Flug war kurz aber schön. Meine Sitznachbarin plauderte ein bisschen mit mir. Sie gehörte zu den Leuten, die schon bald zehn Jahre lang ihre Sommerferien im gleichen Hotel, im gleichen Zimmer auf Mallorca verbringen: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass mein Mann etwas anderes will, und mir geht es auch so.“
Was es denn genau sei, das sie bewog, ihre Ferien so zu geniessen, konnte sie nicht sagen: „Die Hoteliers, das Zimmer, sie wollen keine Überraschungen, nein. Es müsse auch schon im Oktober gebucht werden, damit man im Flugzeug nebeneinander sitzen könne.“
Beim Landeanflug holperte die Maschine erheblich und ich sagte laut: „Das Geholper muss von der Maschine kommen, draussen hat es keinen Wind.“ Denn man sieht von oben einige Windräder auf Brunnenschächten, die sich aber nicht bewegten. Doch meine Schlussfolgerung war falsch: Hier wird Grundwasser gefördert und das ist sehr kostbar, deshalb stehen die Windräder oft still. Wie zu unserer Begrüssung flogen zwei Mönchsgeier majestätisch Richtung Berge. Mir stockte der Atem, denn das war wirklich spektakulär und ich liebe grosse Vögel.
Am Flughafen wurden wir von Sina, der Keramikkünstlerin erwartet. Die Sonne schien und es war angenehm warm, aber ein Wind wehte. Ich war sehr gespannt auf alles Neue und es hat mir ungemein gut getan, dass wir erwartet wurden. Nach einer Stunde Autofahrt kamen wir auf ihrer Finca an. Das letzte Stück Weg waren kleine schmale Strässchen mitten durch Felder und eingezäunte Grundstücke, deren Häuser sich meist dem neugierigen Betrachterauge durch Büsche und Bäume entzogen. Ich war froh, das nicht selber finden zu müssen. Eine Finca ist ein bäuerliches Grundstück mit einem Landhaus und einigen kleineren Häusern, wo gewohnt, verräumt oder gebrannt wird.
Sinas Finca war ein Traum. Ein Pool lag vor der grosszügigen Veranda und tiefrote Bougainvillea rankten sich um Säulen. Einige grosse Keramiken standen im Garten und viele Pflanzen sind auch da zu Hause.
Sofort stürmten zwei Hunde neugierig auf uns zu. Doch wie sahen die beiden denn aus? Dem kleineren fehlte ein Auge und der grössere war sehr mager. Sina erzählte: „Die beiden kommen aus dem Tierheim, ich brachte es nicht übers Herz, sie dort ihrem Schicksal zu überlassen. Leider sind hier die Katzen so frech und kratzen den Hunden oft die Augen aus.“ Solche Hunde konnten wir später noch mehrfach beobachten.
Nachdem wir unser Zimmer bezogen und das Atelier gesehen hatten, wo wir dann arbeiten würden, gab es schon bald das Nachtessen auf der grossen Veranda mit der anderen Kursteilnehmerin, Barbara. Sie kam aus Österreich schon zum neunten Mal, und wir verstanden uns prima. Barbara spielte gerne Gesellschaftsspiele und beinahe jeden Tag während der Siesta wurde fröhlich gespielt im Schatten unter der Veranda, neben Regalen voller schöner Keramik. Für unser leibliches Wohl sorgte Sinas Mann Roland mit viel Umsicht und Rücksicht auf meine Diät. Deshalb funktionierte meine Verdauung problemlos und das verhalf mir zu gleichbleibend guter Stimmung.



Am Montagmorgen begannen wir mit der Umsetzung unserer Ideen.
Sina half, damit alles gut herauskam. Wir erhielten schöne lange, dunkelrote Töpferschürzen, aber man hätte auch im Badekleid arbeiten können. Bald plauderten wir neben dem Arbeiten unbeschwert und Sina schaffte es, ich weiss nicht wie, eine gute Atmosphäre zu erhalten. Sie selber sagte, dass sie sich mitgerissen fühle von unserem emsigen Treiben und dass sie es kaum erwarten könne, sich später wieder ihren eigenen Kunststücken zuzuwenden.
Können Sie sich vorstellen, wieviel Spass es macht, einen Ausguss an einer Teekanne zu befestigen? Wir haben wirklich viel gelacht. Plötzlich kam mir die Idee, eine „perfekte Welle“ zu töpfern. Mit Eifer, und alles andere vergessend, arbeitete ich an dieser Inspiration. Das Resultat war überraschend schön.
Das wiederholte Aufstehen, etwas Holen und sich wieder punktgenau Hinsetzen auf einen Schemel, der nur Desserttellergross war, wurde sehr anstrengend für mich. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich zu Hause meist auf der Chaiselongue sitze und mich entspanne. Schon bald spürte ich Schmerzen, die Muskelkater sein mussten.
Weil ich auf keinen Fall Mitleid erregen wollte, sagte ich niemandem, worunter ich litt. Der zweite Tag wurde dann so mühsam, dass ich die Füsse nur noch nachziehen konnte und so entschied ich mich ausnahmsweise dazu, Schmerzmittel zu nehmen. Die Folge war, dass ich ungebremst den dritten Tag verschlief. An diesem Tag kümmerte sich Peter sorgfältig darum, dass alle meine Kunstwerke das erste Mal gebrannt wurden.
Aus den Augenwinkeln beobachtete ich manchmal meinen Mann. Anfangs schien seine Haltung zu sagen: „Auch das noch, was soll ich hier, und alle diese Frauen?“ Doch dann nahm sich Sina seiner an und bald flogen seine Ideen, der Ton und seine Hände und die Freude über sein neu erblühendes Talent vertrieb alle Schatten. Ich war tief in meinem Innern sehr glücklich über diese Fügung.
In unserem Bad lag ein kleines Büchlein, das von einer deutschen Einwanderin über die Touristen auf Mallorca geschrieben worden war. So wurde ich auf einen interessanten Umstand aufmerksam, den es nur hier geben soll: Irgendwann findet jeder Gast irgendetwas, das verbessert werden müsse und er macht sich dran, das in die Tat umzusetzen! Mir ging es auch so – obwohl ich die Warnung auf dem stillen Örtchen gelesen hatte, und es zunächst für unwahrscheinlich hielt, dass es mir auch passieren könnte: im Garten hatten Äste ein Loch geformt, durch das man gut hindurch sehen konnte. In meiner Fantasie sah ich schon eine schöne Keramik hinter diesem Naturbilderrahmen stehen. Erst als ich meine Entdeckung aufgeregt Sina mitteilte, merkte ich, wie lächerlich das war: Sie hatte es natürlich schon längst so geplant.
An unserem zweiten Abend wurde in Valdemossa ein Klavierkonzert von einem jungen Künstler gegeben. Wir gingen gerne mit unseren Gastgebern dorthin. Es war warm und wir waren frühzeitig dort. Die Erwartung auf mein erstes Klavierkonzert belebte mich angenehm. Doch vorher wollten wir noch etwas essen gehen. Ich wollte die Gelegenheit benützen, um Sina und ihren Mann einzuladen.
Das Konzert war ansprechend. Man sass draussen in einer kleinen Arena und drinnen spielte der Junge Virtuose aus Latein Amerika. Er hatte ein Stipendium von hier erhalten und reiste mit seiner Mutter um die halbe Welt. Dieser Abend brachte mir grosse und glückliche Müdigkeit.
Das einzige Restaurant, das draussen Tische aufgedeckt hatte, glänzte nun wirklich nicht mit schnellem Service. Auch war es irgendwie nicht möglich, etwas Einfaches zu Trinken zu bestellen. Alles lief sehr merkwürdig. Manchmal kam jemand vorbei und stellte Getränke oder Tapas auf den Tisch. So kam ich zu einem Glas Prickelwein und die typischen, köstlichen kleinen Dinger vertrieben den Hunger. Doch die Zeit lief uns davon und es wollte niemand einkassieren. Erst als wir aufstanden und Anstalten machten um zu Gehen, sagte jemand: „Das Lokal feiert Eröffnung, Ihr sollt euch eingeladen fühlen!“ (Soviel zum Thema: man muss kein Spanisch können! Wie mein Masseur meinte.) Das war wirklich eine grossartige Überraschung, wir freuten uns sehr.
Das Töpfern verläuft in vier Arbeitsschritten.
Zuerst kommt das Formen des Tones und das Trocknenlassen. Dann wird das erste Mal gebrannt, das ist der sogenannte Scherbenbrand. Der heisst so, weil dabei alles zerspringt, was nicht einwandfrei gearbeitet wurde. Nun folgt das Glasieren, das den Gegenständen die Farbe bringt. Sina hat eine Riesenauswahl an Farben, es ist das reinste Farbenparadies. Zuletzt folgt noch ein Brand und dann werden alle Gefässe, heiss wie sie aus dem Ofen kommen, mit Sägespänen bedeckt. Das gibt Rauch und der macht dann das typische „krakelée“, dieses typische, haarfeine dunkle Muster unter der Glasur. Nach einigen Minuten gehen die Werkstücke dann ins Wasser und müssen gründlich geschrubbt werden. Nun glänzen sie fröhlich in der Sonne in allen Farben. Es erinnert ein bisschen an Weihnachten, denn beim Glasieren weiss man nie genau wie es heraus kommt. Später haben wir alles fein säuberlich in Luftfolie verpackt und – ich darf es hier vorweg nehmen – ohne Verluste nach Hause gebracht!
Leider war die Rauchentwicklung bei unserem Brennen so stark, dass plötzlich eine kleine Propellermaschine der spanischen Luftflotte über dem Grundstück kreiste. Sina stöhnte und erklärte; dass sie möglicherweise eine Busse wegen Feuers im Freien bekommen könne. Das sei hier streng verboten.
Nach dem kräfteraubenden Werken, laden verträumte Eckchen im Garten zum Träumen und Verweilen ein. Es ist ruhig hier, ländlich und weitab vom grossen Touristenstrom. Im Pool ist das Wasser schon warm genug, ich geniesse das „Herumplantschen“ und bin einfach nur glücklich.
Am Abend sitzen wir mit allen Finca-Bewohnern zusammen und plaudern. Warum kann das Leben zu Hause nicht manchmal so schön sein? Einmal durften wir das Nachtessen am Poolrand mit Freunden unserer Gastgeber geniessen, es gab eine herrliche „Paella“ mit so vielen Krustentieren, dass ich kaum Reis auf dem Teller fand, herrlich. Es kamen immer wieder Freunde vorbei und begutachteten, was wir so hergestellt hatten. Einmal kam eine Dame, die Lehrerin war und Sina damals für die Kunst des Töpferns begeistert hatte. Sie umarmte mich herzlich ohne Vorwarnung, völlig spontan und gab mir so das Gefühl, über alle Sprach- und Kulturbarrieren hinweg, einfach in Ordnung zu sein.
Nur eines machte mich stutzig: die Kursleiterin sagte in einem ruhigen Augenblick zu mir: „Ich habe halt den Abschiedsschmerz (mit Seitenblick auf Peter) nicht kennen gelernt.“… Was soll denn das heissen? Ich doch auch nicht!
Beim Buchen habe ich dann doch tatsächlich eine Nacht übersehen. Kein Problem für Sina, wir dürfen noch bleiben und sie fährt uns dann am Sonntagmorgen zum Flughafen, wo der Mietwagen auf uns wartet. Warum tut Abschiednehmen immer mehr weh? Etwas wie eine leise Vorahnung, dass unsere günstige Mietwohnung nicht so schön sein kann, wie das eben erlebte, schlich sich leise in meine Gedanken. Der berühmte Wermutstropfen tauchte auf.
Dennoch freue ich mich auf das Meer und das Erkunden der Insel. Bin auch ziemlich gespannt auf die zweite Unterkunft: was habe ich uns da wohl ausgesucht?
Sechs Tage in Porto Christo
Der Bezug des Mietwagens beim Flughafen verlief problemlos. Ebenso die etwa einstündige Fahrt über perfekt ausgebaute Strassen an die Ostküste nach Porto Christo. Das malerische Fischerörtchen wirkte nicht überlaufen und war auch nicht von Hotelbauten übersät.
Wir fanden unsere Ferienwohnung. Doch alles war anders. Viel schlimmer, als was wir es jemals in den Ferien angetroffen hatten. Die Ungastlichkeit der Wohnung war auf die Spitze getrieben. Zugegeben, wir hatten nicht viel bezahlt, und es war auch alles nötige da. Aber in welchem Zustand? Die Gardinen waren zerschlissenen und herunterhängend. Den fast blinden Fenstern fehlten zum Teil die Fensterläden. Ich musste in der abstrus schmutzigen Küche meine Diätmenus zubereiten. Im Ofen fand ich ein Backblech mit alten, fettigen und stinkenden Essensresten darauf. Jede Schublade hatte nur dürftigen Inhalt und stank. Küchentücher und das Tischtuch hatten verschlissene Stellen. Alle Badetücher waren mit eindeutigen Verbrauchsspuren versehen… Auf dem Tisch stand eine dreckige Fruchtschale mit Biskuits drin. Die Betten waren nicht frisch bezogen: ich zog 28 lange, schwarze Haare aus meinem Kissen- und alles stank mit dem Rest des Schlafzimmers um die Wette. Wir waren in einer nicht geputzten Abstiege gelandet. Der Duschvorhang klebte am Körper. Jeder Lichtschalter und alle Türen waren dreckig. Die Stühle waren so durchgesessen, dass mir dauernd die Beine beim Sitzen einschliefen.
Das war nun also eine sogenannte „Deprikaschemme“. Der Ausdruck stammte von Barbara und traf hier ins Schwarze. Die Putzfrau steckte irgendwann den Kopf hinein und fragte, ob alles in Ordnung sei? Mühselig erhob ich mich und reklamierte. Der Eigentümer kam, verteidigte seine Putzfrau und fand, dass wir halt verwöhnt seien. „Das war Frau Dr. XY, die vor einiger Zeit hier gewohnt hatte. Sie gesagte, dass sie die Endreinigung selber mache!“ Das war alles. Keine Entschuldigung, kein Nachputzen (das hatten wir inzwischen selber gemacht), keine Preisreduktion! Immerhin hatten wir Meersicht… Ich konnte einfach nur heulen und tat es auch.
Zu allem Überdruss sah sich Peter bemüssigt mir zu sagen, dass er mich zu verlassen wünsche. „Du bist immer unmöglich wenn wir länger zusammen in den Ferien sind. Du willst dann immer etwas von mir, bist einfach zu anspruchsvoll.“ In mir brach meine Welt zusammen. So bittere Tränen habe ich schon lange nicht mehr geweint. Nach einem ausführlichen Gespräch bestand ich auf einer Ehetherapie und fühlte mich unsäglich elend. Eigentlich wusste ich nicht mehr, was ich hier zu suchen hatte und die folgenden Erlebnisse nahm ich wie durch einen dunklen Filter wahr.
Trotz alldem begannen wir mit dem Auto die Umgebung zu erkunden. Natürlich gab es Touristenhochburgen, die hatten aber gute medizinische Versorgung in verschiedenen Sprachen. Wir suchten und fanden vorwiegend malerische Dörfer und Cala`s (Buchten) die gepflegt und einladend wirkten. Es gab auch öffentlichen Verkehr, der mir recht gut ausgebaut schien.
Auf dem Markt von Sineu ging mir das Geld aus weil meine Karte einen Magnetbandfehler hatte. Zum Glück funktionierte Peter’s Karte; ich durfte mich sogar in einem Schmuckladen eindecken, was mich etwas versöhnlicher stimmte. Ich fand einige Armbänder und Halsketten aus den zwar unechten, aber dafür erschwinglichen und dennoch schönen Mallorcaperlen. In der Schweiz hätte ich ein Vielfaches dafür bezahlen müssen. Meine Stimmung hob sich und eigentlich war es ganz nett am Morgen auf der Terrasse zu frühstücken und dabei auf das Meer zu sehen. Das wirkte angenehm beruhigend auf meine Psyche. Irgendwie veränderten sich meine Schmerzen. Manchmal vergass ich sie beinahe.
Doch dann änderte das Wetter: es wurde windig und unangenehm kalt. Trotzdem spazierten wir einmal abends zu der nächstgelegene Bucht, die ja unser Badestrand sein sollte. Es stank nach allem, nur nicht nach frischem Meerwasser und es sind wohl die ersten Ferien, wo es uns grauste ins Wasser zu gehen, und wir schlussendlich ohne einen Fuss ins Meer gesetzt zu haben, wieder nach Hause flogen. Das hatte nicht nur mit dem kühleren Wetter zu tun, aber sicher auch mit meiner Angst, nach dem Bad so müde zu sein, dass ich nicht mehr aus dem Wasser komme. Es war halt so bei mir, dass ich gerne ins Wasser ginge aber die Temperatur raubte mir irgendwie die Kraft. Ich fühlte mich im Nass leichter und bewegte mich frei und gelöst. Spürte aber nicht mehr, wann meine Energie verbraucht ist. Kam ich dann aus dem Wasser, konnte ich mich kaum auf den Beinen halten und torkle. Sturzgefahr drohte. Leider sind die Knochen oft brüchig bei MS Patienten…
Den Ballermann hatten wir auch besucht. Es war ein Abschnitt der Bucht von Palma und das ganze Quartier war mit Hotels überfüllt. Früher wurde da viel Unfug getrieben mit Bier saufen, Kiffen und was sonst noch dazu gehörte. Bis hierher hatten es unsere Kinder also geschafft, waren dann vier Tage hängen geblieben und brauchten anschliessend vier Tage zu Hause, um sich wieder zu erholen. Auf einem anderen Ausflug entdeckten wir einen Sukkulentenpark mit dem lustigen Namen: Botanicactus. Peter hatte vor unserer Heirat viele Kakteen besessen und nun bestaunten wir die herrlich gediehenen Stacheldinger in freier Natur. Sie schienen mir sehr passend zu unserer Stimmung zu sein, aber je genauer ich hinsah, desto mehr entdeckte ich die Schönheiten ihrer Blüten und Formen.
Werden wir es schaffen, die Schwierigkeiten unserer Beziehung auch wie kostbare Blüten zu sehen, an denen wir beide dazu lernen, und somit wachsen sollten, um später alles wieder geniessen zu können, mit veränderter Perspektive sozusagen?
Das hätte immerhin möglich sein können.
Etwas anderes war atemberaubend gut hier: eine Ruhe lag über der Insel, ein Friede herrschte, als ob es einfach so sein müsste. Kein Fluglärm störte, kein Müll lag herum und nur selten sah man Hundehäufchen. Wer mochte, konnte abends noch brauchbare Essensreste im Plastiksäckchen an die Mülltonne hängen, und jemand holte es ab, irgendwann in der Nacht.
Auch in unserer Ehe kehrte etwas wie Ruhe ein, wir konnten uns der friedlichen Umgebung nicht entziehen und schliefen viel.
Was war denn der grosse Unterschied von dieser Insel zu einer anderen?
Vielleicht war es ein Zauber oder ein Segen. Die Wirkung machte, dass so viele Leute gerne hierher kamen und etwas fanden, das Einzigartig war. Mich persönlich dünkte: irgendwo, tief im Boden verborgen, war ein grosser Magnet, der alles Gehetzte, Ungeklärte und Unfreie an sich band – für immer.
Speziell war, dass es hier einen Supermarkt gab, der Eros(ki) hiess oder einen anderen, der auf die Bedürfnisse der angestellten Frauen Rücksicht nahm, und Mercadona hiess.
Auf jeden Fall war der Unterschied nicht ganz einfach zu beschreiben: womöglich waren es die Felder, die schon im Juni geerntet waren und den Betrachter in eine leichte Heiterkeit versetzten, weil man so während den Ferien nicht mit der Mühsal des Broterwerbs konfrontiert war. Oder spielte der Umstand eine Rolle, dass sehr viele Verbrauchsgüter per Schiff ankamen und verteilt wurden, ohne dass man etwas davon mitbekam?
Ganz besonders war das helle Licht hier. Es umspielte die Stoppelfelder und bleichte sie aus, glich sie sich an. Es schien alles staubig und extrem trocken zu sein, da aber schon geerntet war, hatte alles schon Frucht gebracht. Auch das laute Lied der Grillen und Zikaden zeigte, dass mehr Leben herrschte, als man auf den ersten Blick denken konnte.
In meinen Tagträumen gab es noch unentdeckte Piratenverstecke. Einige grossartige Höhlen konnte man besichtigen, aber nicht alle waren erschlossen. Da war es doch verständlich, dass Begehrlichkeiten entstanden in der Fantasie. Die Inselbewohner mussten sich früher tatsächlich kräftig zur Wehr setzen gegen die Briganten. Nun sah man noch die gebieterischen Wehrtürme. Die Idee, dass ich einen Piratenschatz finden könnte, so ganz per Zufall, stimmte mich fröhlich. Meist nickte ich darüber ein. Was wäre für mich denn das grösste Geschenk aus so einem Fund? Nicht Golddukaten oder Silberschmuck und schon gar keine Aladins Wunderlampe mit Dschinn drin, würden mich besonders freuen.
Aber Schmerzfreiheit wäre wohl, nebst der Genesung, das allergrösste Geschenk für mich!
Und genau das hatte ich hier gefunden! Nein, nein, ich träumte nicht mehr und Sie haben schon richtig gelesen. In der zweiten Ferienwoche war ich mir ganz sicher: ich erwachte morgens nicht nur ohne Schmerzen, es blieb auch den ganzen Tag über so, und ich fühlte mich bald wie ein anderer Mensch.
Leicht, Beweglich und sogar ein wenig unternehmungslustig – einfach traumhaft frei fühlte ich mich hier. Die ganzen Schwierigkeiten mit der Ferienwohnung und mit Peter konnten mich nicht so beeinträchtigen, dass ich das übersehen hätte: hier lässt es sich sehr gut leben. Das trockene Klima der Insel hilft vielen Leuten mit Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises, wozu die MS auch gehört. Deshalb ist damals auch George Sand (die Geliebte von Chopin) mit ihrem Kind hierher gekommen, und es ist ihm besser gegangen. Darum habe ich Ihnen den Reisebericht aufgeschrieben: zum selber ausprobieren und zur Ermutigung.
Die Heimreise verlief gut, ein Freund von unserem Sohn hatte uns vom Flughafen abgeholt. Wir werden noch einige Zeit in die Ehetherapie gehen müssen – aber mich zieht es stark in diese schmerzfreie kleine Welt, nach Mallorca.
Wenn ich zurückblicke, so hat sich diese Reise mehr als gelohnt. Ich habe nicht erwartet, einen Ort zu finden, wo ich ohne Schmerzen leben kann. Auch das Töpfern war eine echte Bereicherung. Die persönlichen Kontakte sind ein Geschenk und ich hoffe inständig, bald wieder hingehen zu können.